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Di„ (Novelle.)
1.
Im Oriente lebt eine unveränderliche Sitte— die Gaſtfreundſchaft. In jenem Lande mit ungeheuern Einöden haben die Menſchen das Bedürfniß, einander beizuſtehen, ſich gegenſeitig Schuz und gaſtliche Aufnahme zu gewäb⸗ ren, vollkommen begriffen; der Reiſende, der Gaſt iſt ein ehrwürdiges, beili— ges Weſen geworden. Die Gaſtfreundſchaft hat dort, wie Alles was Dogma und Glaube iſt, ſeine Symbole und Formeln, welche unverlezlich ſind, ſo wie ſeine äußern Zeichen. Der Becher, welchen man demjenigen reicht, der ſich un ter dem gaſtlichen Dache befindet, iſt immer das Zeugniß eines Wohlwollens, worauf er mit völliger Sicherheit bauen kann.
Armenien, jenes ſchöne und reiche Land Aſiens, das ſich von dem öͤſtli⸗ chen Abhange des Kaukaſus bis an die Ufer des Euphrat erſtrekt, und an Kurdiſtan und Georgien ſich hindehnt, ſteht noch unter den erſten Inſpiratio⸗ nen des bibliſchen Drama; man könnte bier wohl die Familien der Patriar— chen, die Kinder des alten Jakob, und jene Völker auſſuchen, welche ſpäter unter die Herrſchaft der Pharaonen kamen, dann nach dem Kampfe mit ma⸗ nigfaltigen Gefahren jene iſraelitiſche Kolonie gründeten, welche Voſſuet und andere für den Mittelpunkt des Menſchengeſchlechts anſahen. In Armenien lebt noch das Andenken an Joſeph; Joſeph und ſeine Brüder ſind dort, was bei uns die Helden des Ritterweſens ſind. 1 5
Jede armeniſche Familie beſizt einen Becher. Der Reichthum und das Alter dieſes Bechers, ſeine Einfachheit, ſeine Beſcheidenhelt oder ſeine Neu— beit verrathen den Stand der Familie. Der Becher erſcheint bei allen großen Familienfeſten. Die Kinder trinken nach ihrer Geburt zum erſten Male dar aus; die Gattin bei ihrer Vermählung, die Geneſenden nach überſtandener Krankheit, die Mütter nach ihrer Entbindung, die Fremden nach Beendigung des erſten Mahles, das ſie im Hauſe ihres Wirthes genoſſen, die Häupter der Damilien an allen denkwürdigen Tagen des Jahres bringen ihn an ihre Lip⸗ pen. Bald enthält er ein berauſchendes Getränk, bald einen ſtarkenden Trank, oft Milch und Honig, oder eine jener weichen und unſchuldigen Zubereitun— gen, die für Frauen und Kinder ſich eignen. Bei dieſem Becher verſprechen und ſchwoͤren einander auch die Liebenden gegenſeltige Liebe.
2.
Vor acht und dreißig Jahren ungefähr! reichte ein junger Armenier aus einer Gegend, welche an Georgien grenzt, der Sprößling einer alten, rei⸗ chen und angeſehenen Familie, den Brautbecher der ſchönſten Jungfrau des OGebirgs, Nephthalie. Sie waren belde ſchön, und hofften in dem ſo ru⸗ bigen and fruchtbaren Vaterlande lange und glükliche Tage. Zahlreiche Heer den, tapfere Waſſen, die Liebe ihrer Brüder, die Zärtlichkeit ihrer Familie ſchmük ten ihre Gegenwart mit den lachendſten Farben, und Ruſtan und Nephtbalie ſchwelgten in den Reizen der Zukunft und Hoffnung, welche faſt eine Offenbarung des Glüks zu ſein ſcheinen. Nach einer beſchwerlichen Jagd n ber Ferne aber erkrankte Ruſtan; er litt lange, und wäre vielleicht ohne


