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„Herr D.,“ ſagte Claude, indem er ihm folgte,„geben Sle mir mei⸗ nen Gefährten zurük.“ 1
Es kann nicht ſein. l
„Herr D.,“ nahm Claude mit einer Stimme, die“ ſelbſt einen Teufel gerührt haben würde, das Wort,„ich flehe Sie an, geben Sie mir Albin zurük! Sie ſollen ſehen, wie ich arbeiten will. Sie ſind frei, und wiſſen nicht, was es heißt, einen Freund zu haben. Ich aber habe nichts, als die vier Mauern des Gefängniſſes. Sie können frei umhergehen; ich habe Nie— mand als Albin. Geben Sie mir ihn zurük. Albin ernährte mich, wie Sie wohl wiſſen. Es koſtet Sie nichts weiter, als ja zu ſagen. Was kann Ihnen daran liegen, ob ſich zwei Menſchen in Einem Saale befinden, von denen der eine Claude Gueux und der andere Albin heißt! Beſter Herr D., im Namen des Himmels flehe ich darum!“
Claude hatte vielleicht noch nie ſo viel mit dem Kerkermeiſter geſprochen. Erſchöpft von der Anſtrengung ſtand er da und wartete. Mit einem Zeichen der Ungeduld erwiderte ihm der Aufſeher:„Es kann nicht ſein. Sprich nicht weiter davon. Du machſt mich verdrießlich!“ Und eiligen Schrittes ging er weiter. Claude folgte ihm. So hatten ſich beide der Ausgangsthüre genähert. Die 80 Sträflinge lauſchten mit zurükgehaltenem Athen. Claude berührte den Arm des Aufſehers leicht.„So laſſen Sie mich wenigſtens wiſſen, wa⸗ rum ich zum Tode verurtheilt bin. Sagen Sie mir, warum ſie Albin von mir getrennt haben?“
„Ich ſagte es dir ſchon einmal,“ erwiderte der Aufſeher:„weil es mir ſo gefiel.“
Indem er Claude den Rüken wandte, ſtrekte er die Hand nach der Klinke des Thürſchloſſes aus.
Auf die lezte Antwort des Aufſehers war Claude um einen Schritt zurükgetreten. Die 80 Bildſäulen, welche zugegen waren, ſahen, wie er die rechte Hand mit dem Beile aus der Taſche hervorzog. Die Hand erbob ſich, und ehe der Aufſeber einen Laut von ſich geben konnte, hatten drei Streiche, alle drei in a 1 ihm die Hirnſchale geſpalten. Im Augenblike des Falles zerfleiſchte vierter Hieb das Geſicht, und noch ein fünfter unnüzer Hieb drang ihm in den rechten Schenkel ein. Der Au fſeher war todt.
Sofort ſchleuderte Claude das Beil hinweg mit den Worten:„Jezt kommt die Reihe an den andern!“ Der Andere war er ſelbſt. Man ſah ihn die kleine Scheere aus ſeiner Weſte ziehen, und ehe Jemand ihn daran zu hindern vermochte, ſtach er ſich dieſelbe in die Bruſt. Die Klinge war zu kurz,
die Bruſt zu tief. Lange wühlte er in der Wunde, indem er ausrief:„Herz
des Verdammten, ſoll ich dich nicht finden!“ Endlich fiel er, gebadet in ſeinem Blute, ohnmächtig auf den Ermordeten.
Welcher von beiden war das Opfer des Andern?— Als Claude wieder zu ſich kam, befand er ſich, verbunden, in einem Bette. Zu ſeinem Haupte ſaßen einige barmherzige Schweſtern und der Inſtruktionsrichter, der ihn mit vielem Intereſſe fragte, wie er ſich befinde?— Zwar hatte er viel Blut
verloren, allein die Scheere that ihre Pflicht nur ſchlecht; keiner der Stiche, die er ſich beibrachte, war gefährlich.


