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—— Gefährten, welche er nächſt Albin am meiſten liebte, bierbel und vertbeilte es untet ſie. Für ſich behielt er nichts als die kleine Scheere. Hierauf nahm er Abſchied von Allen; einige weinten, er aber lächelte.
In dieſer lezten Stunde ſprach er mit ſo viel Ruhe und ſogar mit Frohſian, daß mehrere ſeiner Gefährten, wie ſie ſpäter angaben, die Hoffnung begten, er werde ſeinen Entſchluß aufgeben. f
Unter den Sträflingen bemerkte er einen jungen Menſchen, der, ohne Zweifel in Erwartung deſſen, was geſchehen ſollte, bleich ausſah, ihn mit ſtarren Augen anblikte und zitterte.„Muth, junger Menſch,“ ſagte Claude ſanft zu ihm,„das Ganze wird nur einen Augenblik währen.“
Nachdem er ſeine Effekten ausgetheilt und Allen noch einmal die Hand gedrükt hatte, hieß er ſeine Gefährten wieder an die Arbeit gehen. Alle ge⸗ horchten ſchweigend.
Die Werkſtätte, in welcher ſich all dieſes zutrug, war ein langer Saal, auf deſſen größern Seiten ſich Fenſter befanden. An den beiden kürzern Sei⸗ ten ſtanden ſich Thüren gegenüber. Die Arbeitstiſche berührten die Fenſter unter einem rechten Winkel. In der Mitte des Saales blieb zwiſchen den beiden Reihen der Tiſche ein Gang frei, der von einer Thüre zur andern führte. Dieſen langen ziemlich engen Weg hatte der Aufſeher bei ſeiner Runde zu hinterlegen. Zur ſüdlichen Thüre mußte er eintreten und durch die nörd— liche den Saal wieder verlaſſen. In der Regel hinterlegte er dieſen Weg ziemlich raſch und ohne ſich aufzuhalten.
Claude hatte ſich an ſeinen Tiſch geſtellt und fuhr fort zu arbeiten.
Alle ſtanden in Erwartung. Der Augenblik nahte. Plözlich horte man den Schlag einer Gloke. Claude ſagte vor ſich:„Jezt iſt es Dreiviertel.“ Darauf erhob er ſich, durchſchritt den Saal und ſtellte ſich links neben den
erſten Tiſch, dicht an dem Eingange. Sein Geſſcht war ruhig und freundlich. i
Es ſchlug 9 Uhr. Die Thüre öffnete ſich; der Aufſeher trat ein. In dieſem Augenblike herrſchte durch den ganzen Saal die tiefſte Stille. Der Aufſeher war allein, wie gewöhnlich. Mit dem ihm eigenen ſelbſtgenügſamen, unerbittlichen Geſicht trat er ein, ohne Claude zu ſehen, der noch immer links don ger üre ſtand, die rechte Hand in ſeiner Taſche; er ging raſch an den erſten Tiſchen vorbei, ohne zu gewahren, daß alle Augen der ihn Umgebenden auf eln furchtbares Ereig— niß hinſtarrten.
Plözlich drehte er ſich um, weil er Schritte hinter ſich hörte. Claude
war es, der ihm ſeit einigen Augenbliken leiſe folgte.
„Was machſt du hier?“ ſagte der Auſſeher;„warum biſt du nicht auf deinem Plaze?“
Claude Gueur antwortete ehrerbietig:„Ich möchte gern mit Ihnen reden.“
„Von was?““
„Von Albin.“
„Schon wieder?“ ſagte der Aufſeher.
„Immer!“ entgegnete Claude.
„Alſo,“ fuhr der Auſſeher fort, indem er welter ging,„haſt du noch nicht genug mit 24 Stunden Arreſt?«“


