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Ein andermal, eines Sonntags, als er im Hoſe auf einem Steine ſaß, die Ellbogen auf die Knie geſtemmt und das Geſicht mit den Händen bedekt, und in dieſer Stellung mehrere Stunden unbeweglich ſizen blieb, näherte ſich ihm der Gefangene Faillette und rief ihm lachend ins Ohr:„Was Teufel machſt du denn da?“— Claude hob langſam ſein ernſles Augeſicht in die Höhe und ſagte:„Ich richte Einen.“
Eines Abends endlich, am 25. Oktober 1851, zertrat Claude in dem Augenblike, in welchem der Aufſeher die Runde machte, ein Uhrenglas, das er Morgens gefunden hatte, mit großem Geräuſche. Der Aufſeher fragte nach der Urſache deſſelben.„Ich bins,“ ſagte Claude;„Herr D., geben Sie mir meinen Gefährten zurük.“—„Es kann nicht ſein!“ erwiderte dieſer.—„Es muß ſein,“ ſagte Claude mit tiefer und feſter Stimme; indem er den Aufſe— her ſcharf anſah, fügte er hinzu:„Ueberlegen Sie es; heute iſt der 25. Ok— tober; ich laſſe Ihnen Bedenkzeit bis zum 4. November.“
Einer der Stokknechte bemerkte dem Aufſeher, daß Claude ihm gedroht habe und daher Kerkerſtrafe verdiene.„Nichts von Kerkerſtrafe,“ erwiderte der Aufſeher mit verächtlichem Lächeln,„man muß dieſe Leute gut behandeln.“
Am folgenden Tage näherte ſich der Gefangene Perrot dem Claude Gueux, der einſam und nachdenkend auf- und abging, mit den Worten:„An was denkſt du, Claude? Du ſiehſt traurig aus!“—„Ichfürchte, es möchte dem guten Herrn D. demnächſt irgend ein Unglük zuſtoßen.““
Vom 25. Oktober bis zum 4. November ſind es volle neun Tage. Claude ließ nicht einen vorübergehen, ohne den Aufſeher von dem täglich ſchmerzlicher werdenden Zuſtande in Kenntniß zu ſezen, in welchen ihn Albin's Verſchwin— den verſezte. Der Auſſeher, darüber aufgebracht, verurtheilte ihn einmal zu 24 Stunden Kerkerſtrafe, weil die Bitte allzuſehr einer Aufforderung glich.
Der 4. November brach an. Claude ſtand mit einem heitern Geſicht auf, wie man es ſeit dem Tage, an welchem Herrn D... s Enſchluß ihn von Albin. trennte, nicht mehr an ihm bemerkt hatte. Sofort wühlte er unter ſeinen wenigen Effekten und zog endlich eine Scheere hervor, das einzige, was ihm geblieben war von dem Weibe, das er einſt liebte, von der Mutter ſeines Kindes, von der glüklichen kleinen Haushaltung der frühern Zeit. In dem Augenblike, als er den alten Kreuzgang durchſchritt, der Winters zu Erho— lung der Sträflinge diente, näherte er ſich, dem Gefangenen Ferrari, der eben die ungeheuren Gitter des Fenſters aufmerkſam betrachtete. Claude zeigt Fer— rari die kleine Scheere mit den Worten:„Dieſen Abend werde ich jenes Git— ter mit dieſer Scheere entzwei ſchneiden.“ Der ungläubige Ferrari lachte und Claude desgleichen.
An jenem Morgen arbeitete er mit mehr Eifer als ſonſt. Nie war es ihm ſo raſch von der Hand gegangen. Er ſchien beſondern Werth darauf zu legen, dieſen Vormittag noch einen Strohhut zu vollenden, den ihm ein Bür— ger von Troyes zum Voraus bezahlt hatte. Kurz vor der Mittagsſtunde ging er unter irgend einem Vocwande in die Tiſchlerwerkſtätte hinab, die ſich zu ebener Erde unterhalb derjenigen befand, in welcher er arbeitete. Claude war hier wie anderwärts gern geſehen. Weil er jedoch nur ſelten hier erſchien, ſo ward er ſogleich von allen Seiten umringt und bewillkommt.— Claude durch— lief den Saal mit einem raſchen Blike. Keiner der Auſſeher befand ſich in dem⸗


