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Claude Sueur war eln ſtarker Eſſer. Es war dies elne natürliche Folg⸗ ſelner Organiſation. Sein Magen war von ſolcher Beſchaffenheit, daß die Nahrung zweier gewöhnlichen Menſchen kaum zal für leis Bedürfniß hinreichte.
Claude Gueux arbeitete, ſo lange er noch frei war, den ganzen Tag, und verdiente ſeine 4 Pfund Brod, die er bedurfte. Claude Gueux, der Ge— ſangene, arbeitete auch den ganzen Tag und erhielt unabänderlich für ſeine Mühe 1 Pfund Brod und vier Unzen Fleiſch. Claude hatte daher im Zucht⸗ bauſe von Clairvaux fortwährend Hunger.
Eines Tages hatte Claude eben ſeine magere Ration verſchlungen und wieder zur Arbeit gegriffen, indem er den Hunger durch dieſe zu täuſchen boffte. Die andern Gefangenen aßen noch fröhlich zuſammen. Da trat ein junger Menſch von bleichem, ſchwachem Ausſehen neben ihn. In der Hand bielt er ſeine Portion, die er noch nicht berührt hatte, und ein Meſſer. So blieb er dicht vor Claude ſtehen z er ſchien, als wolle er ſprechen, nur wagte er es nicht. Dieſer Menſch, ſein Brod und Fleiſch beläſtigten Claude.— „Was willſt du,“ fragte dieſer endlich barſch?—„Daß du mir einen Gefal⸗ len thueſt,“ erwiderte ſchüchtern der junge Menſch.—„Was denn?“ fragt Claude.—„Du ſollſt mir eſſen helfen; mir iſt die Portion zu groß.“— Ein Thräne preßte ſich aus Claude's Auge hervor. Er nahm das Meſſer, theilte die Portion des jungen Menſchen in zwei gleiche Theile, nahm den elnen da⸗ von und verzehrte ihn.—„Ich danke dir,“ ſprach der junge Menſch.„Wenn du willſt, theilen wir alle Tage.“—„Wie heißt du?“ fragte Claude Gueux.— „Albin“—„Warum biſt du hier?“—„Ich habe geſtohlen.“—„Ich auch,“ verſezte Claude. 0 f
Pänktlich theilten ſie in der Folge alle Tage. Claude Gueuz war 36 Jahre alt.— Zuweilen ſchien es, als ſei er ein Fünfziger, ſo ernſt war ſein Ausſehen. Albin war 20 Jahre alt, man hätte ihn aber kaum für 17 jährig gehalten, ſo viele Unſchuld lag noch in dem Blike dieſes Diebes. Eine innige Freundſchaft, wie vom Vater zum Sohne, ſchloß ſich bald zwiſchen beiden. Albin war beinahe noch Kind, Claude beinahe ſchon Greis. 5
Sie arbeiteten in derſelben Werkſtätte, ſie ſchliefen unter einem Riegel. ſie gingen in demſelben Hofe ſpaziren und aßen daſſelbe Brod. Jeder war dem Andern die Welt. Sie ſchienen glüklich zu ſein.
Wir haben bereits von dem Aufſeher der Werkſtätten geſprochen. Oieſer Menſch, von den Gefangenen gehaßt, ſah ſich häufig genöthigt, um ſich Ge, bor ſam zu verſchaffen, ſich an Claude Gueux zu wenden, der von denſelben geliebt wurde. Vei mehr als einer Gelegenheit, wenn es ſich darum handelte, einen Aufruhr zu ſtillen, hatte Claude Gueux's titelloſe Autorität die offi⸗ zielle des Auſſehers kräftig unterſtüzt. Denn wenn es ſich darum handelte, die Ordnung unter den Gefangenen berzuſtellen, batten zehn Worte Claude's ſo viel Gewicht, als Gendarmen. Claude hatte mehr als einmal dieſen Dienſt dem Aufſeher erwieſen, dafür haßte ihn dieſer auch von ganzer Seele; er war eiferſüchtig auf ihn.
Claude gewann Albin täglich lieber, und dachte nicht an den Aufſeher⸗
(Jortſezung folgt.)
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