114
benkendes, mebr ernſtes als leldendes Ausſeben. Gleichwohl batte er ſchon viel gelitten. 0
In dem Zuchthauſes, in welchem Ctaude Gueur eingeſperrt war, de fand iich ein Aufſeber der Werkſtätten, eine Art von Beamten, die allen Gefäng⸗ aiſſen eigen iſt, und dem Kerkermeiſter, wie dem Kaufmanne gleich nahe ver⸗ wandt iſt, der dem Arbelter das Werkzeug in die Hand gibt und eine Arbeit bel ihm beſtellt, und zu gleicher Zeit dem Gefangenen eine Fauſt macht und ihm die Eiſen an die Füße legt. Dieſer war ein wahres Muſter ſeiner Gat— tung, kurz angebunden, tyranniſch, übrigens vorkommenden Falles ein guter Kamerad, ſelbſt luſtig und zuweilen mit Anſtand ſpottend, mehr hart als feſt, ein guter Vater, ohne Zweifel auch ein guter Gatte, mit einem Worte nicht gerade bösartig. Die Haupt- und Diagonallinie des Charakkers dieſes Men⸗ ſchen war Eigenſinn, und darauf bildete er ſich viel ein. Wenn dieſer Menſch einmal ſeinen Kopf auf etwas Unſinniges, das er ſeinen Willen nannte, geſezt batte, ſo mußte dieſes troz aller Gegenreden ausgeführt werden.— Wenn ein öſſentliches oder Privatunglük über uns hereingebrochen iſt, und wir un— terſuchen aus den Trümmern, welche am Boden liegen, wie das Gebäude auf⸗ geführt war, ſo finden wir beinahe immer, daß es von einem mittelmäßigen und eigenſinnigen Kopfe blindlings erbaut worden, der Vertrauen auf ſich batte und ſich ſelbſt bewunderte. Es gibt in der Welt gar viele ſolcher klei⸗ nen ſtarrköpfigen Verhängniſſe, die ſich für Vorſehungen halten. Dieſer Art war der Aufſeher der Werkſtätten des Zuchthauſes von Clairvaug.
Unmittelbar nach ſeiner Ankunft zu Clalrvaux ward Claude Gueux numerirt und in ſein Geſchäft in der Werkſtätte angewieſen. Der Auſſeher erkannte einen tüchtigen Arbeiter in ihm und behandelte ihn gut. Eines Ta⸗ ges, als er guter Laune war und er Claude's Traurigkeit bemerkte— denn er dachte unaufhörlich an diejenige, welche er ſeine Frau nannte— erzäblte er ihm ſogar zum Scherze und Zeitvertreibe, vielleicht auch um ihn zu trö— ſten, die Unglükliche ſei eine ſchlechte Perſon geworden. Claude fragte kalt, was aus dem Kinde geworden?— Man wußte es nicht. b
Nach Verlauf einiger Monate akklimatiſirte ſich Claude mit der Kerker⸗ tuft, und ſchien an nichts weiter zu denken. Eine gewiſſe, ſeinem Charakter eigene ernſte Heiterkeit hatte bei ihm die Oberhand gewonnen.
Um dieſelbe Zeit etwa hatte Claude ein ſonderbares Uebergewicht über alle ſeine Gefährten gewonnen. Wie in Folge einer ſtillſchweigenden Ueber⸗ einkunft, und ohne daß irgend einer, ja er ſelbſt nicht, wußte warum, fragten ihn alle dieſe Menſchen um Rath, hörten auf ſeine Meinung, bewunderten ibn und ahmten ihm nach, was immer den höchſten Grad der Bewunderung beweiſt. Es war kein kleiner Ruhm, ſich von allen dieſen widerſpenſtigen Naturen gehorcht zu ſehen. Dieſe Macht war 1 zu Theil geworden, ohne daß er daran dachte.
In weniger als drei Monaten war Claude die Seele und das Geſez der Werkſtätte geworden. Und kraft einer ganz natürlichen Gegenwirkung wurde er, je mehr er von den Gefangenen geliebt ward, deſte mehr verabſcheut von dem Kerkermeiſter. So war es von jeher. Die Popularität geht immer Hand en Hand mit dee Ungnade.


