Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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Das Mittelalter im heutigen Korſika.

Lange Zeit war die korſiſche Gemeinde Gavignano in zwei feindliche Var⸗ theien getheilt, und was der Haß in dieſem Lande iſt, weiß man bereits zur Genüge, um ſich von den ewigen Beſebdungen und mehr oder minder offenen Kämpfen der Mattei und Giampetri eine Idee machen zu können. Dies Un⸗ weſen nahm endlich ſo ſehr überhand, daß der in Korſtka kommandirende Ge nerallieutenant, Baron Lallemand, ernſtlich darauf bedacht war, Ruhe und Frieden zurük zu führen, was auch gelang. Vor dem Altare und im Veiſein des Notars wurde ein feierlicher Verſöhnungsbrief niedergeſchrieben, eine Art Urfehde, wodurch alle namentlich aufgeführten Mitglieder beider Familien Vergeſſenheit früherer Unbill und gutes Einverſtändniß für alle Folgezeit an⸗ gelobten; dann ward das nöthige Abkommen urkundlich verfaßt, um auf dieſe Baſis den neuen Rechtsſtand zu begründen. In der Pfarrkirche des Ortes nahm man am verfloſſenen 19. Okt. dieſen Akt vor, denn ohne religtöſe Bel bilfe würden ähnliche Verträge hier erfolglos bleiben. Ein feierlicher Segen und ein Tedeum beſchloſſen die Zeremonie, es umarmten ſich die lange Zeit Getrennten unter dem höchſten Jubel, und nun gings zur Tafel. Die Par- teihäupter der Mattei ſpeiſten bei den Herren Giampetri mit dem General, und des folgenden Tages zog Alles in die Häuſer der geſtern Bewirtheten, aus Blutfeinden nun endlich zu ruhigen Gefährten und Freunden geworden.

Der erwünſchte Sc retar-

Schwerlich gibt es jezt mehr einen Geheimſekretär, wie der Miniſter Luvois einen hatte! Als nämlich Luvois einſtmals Depeſchen von einem auswärtigen Miniſter erhalten hatte, ließ er ſeinen Sekretär rufen und dik⸗ tirte ihm folgenden Brief:Sie wundern ſich ohne Zweifel, mein Herr, daß ich mich in einer ſo wichtigen Angelegenheit, die das tiefſte Geheimniß erfordert, einer fremden Hand bediene; aber Sie müſſen wiſſen, daß der Se kretär, den ich hiezu brauche, ſo vollkommen dumm iſt, daß er nicht einmal das verſteht, was er ſo eben ſchreibt ze. Ein andermal händigte Luvois dieſem Sekretär das Komzept eines Dekrets mit dem Befehle ein, daſſelbe mit ganz beſonderer Aufmerkſamkeit und Genauigkeit abzuſchrelben. Nach Verlauf einer Stunde überreichte der Sekretär die ſehr zierlich ausgefertigte Rein ſchrift:Kann ich mich auf die Richtigkeit verlaſſen? fragte Luvois.Ganz pünktlich, Ew. Exzellenz!Ich darf alſo das Dekret geradezu unter⸗ zeichnen?Unbedenklich, Ew. Exzellenz!Wiſſen Sie auch, was Sie geſchrieben haben? fragte Luvois. Der Sekretär wurde verlegen.Unglük licher! fuhr der Miniſter fort,es iſt ihr Todesurtheil. Da, leſen Sie noch einmal! Sie ſollen durch das Schwert hingerichtet werden! Der arme Sekretär wurde bleich und zitterte am ganzen Leibe.Seien Sie ruhig! tröſtete ihn der Miniſter mit freundlichem Lächeln.Ich wollte Sie nur auf die Probe ſtellen. Sie haben ſie zu meiner Zufriedenheit beſtanden, und ich erkläre Sie für einen echten Geheim Sekretär. Eine ſolche Unwiſſen⸗ heit iſt mir die ſicherſte Garantie für Verſchwiegenheit!