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Dieſe unſchäzbare Entdekung wollte er nun zum 1. Male an dem Beine des Herrn Wodenblock anwenden. 5
Alle Nachbarn Turningvort's waren geſpannt auf des Meiſters neues Kunſtprodukt, denn daß etwas Außerordentliches im Werke ſei, war ausgemacht. Durch ſechs Tage war nämlich das Haus des Künſtlers verſchloſſen, die Fen⸗ ſterläden ließen keinen Strahl der Sonne in dasſelbe dringen, und bätte drinen nicht das Schnarren der Drehmaſchine und das Klappern des Hammers getönt, man wäre verſucht geweſen, dieſes Haus eber für den Aufenthalt von
Leichen als für die Wohnung eines ſo berühmten Künſtlers zu balten. Dies 3 war ſtets die Art und Weiſe Turningvort's, wenn er mit der Aus führung eines
wunderbaren Meiſterſtüks beſchäftigt war. Tag und Nacht arbeitete er unab⸗ läſſig bei eng verſchloſſenen Thüren und Fenſtern, ohne ſich nur einen Augen⸗ blik Ruh und wie die Sage ging ohne Nahrung zu ſich zu nehmen, zu gön⸗ nen, indeß eine Unzahl von Lampen das Gemach ſonnenhell erleuchtete. Nur nach Vollendung ſeines Werkes und nach erlangter Ueberzeugung, daß daſſelbe ſeinem Zweke genügend entſpräche, ſah man ihn wieder mit Menſchen verkehren.
Spät am Abende des ſechſten Tages ſeines ſeltſamen Treibens, öffnete ſich die Pforte ſeines Hauſes, und durch das Dunkel der Nacht ſchritt eine Geſtalt in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, in größter Eile dem Hauſe des Herrn Wodenblock zu. Unter den Falten des Mautels ſchien der Eilende einen Gegenſtand von größter Wichtigkeit zu verbergen. Der Gang jenes Mannes war mehr ein Hüpfen als ein Weiterſchreiten zu nennen, und ſeine Sprünge vermehrten ſich immer und immer, je näher er dem Hauſe des reichen Kauf⸗ manns kam, wie, wenn eine innere, ſtets wachſende Ungeduld ihn mit magi⸗ ſcher Federkraft dem Ziele ſeiner Eilfertigkeit entgegenſchnellte.
Die mit den Eigenthümlichkeiten des Wundermannes Vertrauten, erkann— ten augenbliklich in der verhüllten Geſtalt den Meiſter Turningvort und mit einem Gemiſch von Neugier und Grauen ſtaunten ſie dem Seltſamen nach, bis er mit einigen Sprüngen in der Finſterniß ihrer Augen entſchwand.
Bei Herrn Wodenblock angelangt, von dem er ſchon mit Ungeduld er— wartet ward, nahm er das, mit allem Fleiße eingehüllte Meiſterſtük unter dem Arme hervor. In ſeinen grauen! Augen glänzte ein Feuer, welches ein Gefühl von Zufriedenheit und Selbſtvertrauen verkündete, als er das Gebilde ſeiner Kunſt vor H. Wodenblock entblößte.
Stunden verfloſſen, bis Meiſter Turningvort dem aufmerkſam horchenden Wodenblock alle einzelnen Einrichtungen und hinzugefügten Verbeſſerungen des innern Mechanismus, und die Reſultate, welche ſie hervorbringen ſollten, er— klärte. So verging dieſelbe Nacht in Erörterungen über Wirkung und Ge— genwirkung der Räder und Federn im Innern des Wunderwerkes, nach deren Beendigung auf dem Geſichte des Einen wie des Andern der Ausdruk der höch— ſten Zufriedenheit über daſſel be zu bemerken war.
Nach eindringlichem Zuſprechen Wodenblocks, entſchloß ſich Turningvort, den Reſt der Nacht bei ihm zuzubringen, um früh Morgens das Vergnügen zu genießen, die Bewegungen des künſtlichen Beines zu beobachten und zu be⸗ wundern, wie es alle ihm obliegenden Funkzionen verrichte.
Am frühſten Morgen begann der Künſtler alle nöthigen Vorbereitungen, nach deren Vollendung Hr. Wodenblock das Haus verließ, um einen Spazirgang
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