Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
99
 
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Meiſter Turningvort, redete er den Eintretenden an,ihr habt von dem Unfalle, der mir begegnete, ohne Zweifel ſchon gehört?

Eine tiefe Verbeugung bejahte die Frage.

Ihr müßt mir ein künſtliches Bein verfertigen, künſtlicher als jedes, das je aus euren Händen kam.

Turningvort wiederholte die obige Pantomime.

Ich ſehe nicht auf den Preis

Eine noch tiefere Verbeugung folgte dieſer Rede.

Damit mein neues Bein Alles über treſſe, was ihr in eurem ganzen Leben Künſtliches fabrizirtet, ſo will ich keinen eurer gewöhnlichen Holzblöke. Macht mir ein Bein von Korkholz, das leicht und elaſtiſch iſt, deſſen Federn in größ⸗ ter Anzahl und delikater gearbeitet ſind, als in der vortrefflichſten Genferuhr. Ich verſtehe von eurem Handwerke zu wenig, um euch beſtimmtere Inſtruktio nen geben zu können; aber ich will ein wenigſtens eben ſo gutes Bein, als ich verlor. Ich bin überzeugt, daß ihr der Mann ſeld, der im Stande iſt, meinem Wunſche zu entſprechen, und gelingt es euch, mich zufrieden zu ſtel len, ſo zahlt euch mein Kaſſier augenbliklich 500 Louisd'or.

Der holländiſche Prometheus berbeugte ſich neuerdings bis auf die Erde, verſicherte, daß er, um Hrn. Wodenblock zu genügen, ſeine ganze Kunſt auf bieten werde, die vorzüglichſten Produkte des menſchlichen Kunſtfleißes durch ſein neues Werk zu übertreffen, und verſprach binnen ſechs Tagen ein ſo boll kommenes konſtruirtes Vein zu bringen, daß die ſchönſten und wohlgeſtaltetſten menſchlichen, von der Natur gebauten Beine, darüber mit gerechten Neide er⸗ füllt ſein ſollten. 5

Dieſes Verſprechen, von einem ſolchen Künſtler geleiſtet, war keine eitle Prahlerei. Mit der Meiſterſchaft, die man in allen Arbeiten dieſes Wunder mannes anſtaunte, verband Turningvort ein ewiges ſpekulatives Forſchen nach Verbeſſerungen, die er ſtets ſo lange geheim hielt, bis er von der Reichhal tigkeit ſeiner Erfindung überzeugt war. Lange ſchon beſchäftigte er ſich mit der Entdekung eines Geheimniſſes, an welchem der Fleiß und die Kenntniſſe vieler genialen Künſtler geſcheitert hatte, und dieſes Geheimniß hoffte er nun nach langen vergeblichen und oft wiederholten Verſuchen gefunden zu haben, als der Auftrag des Hrn. Wodenblok ihm die günſtige Gelegenheit bot, die Unfehlbarkeit deſſelben zu erproben.

Wie alle ſeine Kunſtgenoſſen, die ſich mit Verfertigung chirurgiſcher Maſchinen beſchäftigten, hatte er gefunden, daß die größte Schwierigkeit, die Vollkommenheit zu erreichen, darin beſtände, die Federn der künſtlichen Ge lenke ſo einzurichten, daß ſie den natürlichen Muskeln und Bändern gleich kom men; daß man ſelbe nach Willkühr bewegen könne, und daß ſie tauglich ſeien den bewundernswerthen Mechanismus des' Knies und Fußgelenkes genügend zu erſezen. Viele Jahre hatte er damit zugebracht, die Mittel aufzufinden, alle dieſe Schwierigkeiten zu überwinden, und obwohl er durch ſeine Forſchungen im Gebiete ſeiner Kunſt bereits viel weiter vorgeſchritten war, als alle jene, die nach demſelben Ziele ſtrebten, ſo erlangte er doch erſt eben vor wenigen Stunden die Ueberzeugung, das Geheimniß entdekt zu haben, welches den Gegenſtand ſeines jahrelangen und raſtloſen Forſchens ausmachte.