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Turningvort wählte ſeine beſte Perüke, nahm den geſpizten Hut und das Nohr mit dem Goldknopfe und begab ſich elligſt nach dem Hauſe des hilfebedürfti— gen Kröſus. 1 3
Herr Wodenblock war einer jener Glükepilze, die ihr Emporkommen nur einem günſtigen Zufalle und ihrer eigenen ſpekulativen Induſtrie verdan⸗ ken, und ſo liebte er auf dieſer Welt Niemand, als ſich ſelbſt, und genoß die Reichthümer, die er im Schweiß des Angeſichts ſich erworben, mit egoiſti⸗ ſcher Ruhe, ganz allein. Einſt wagte es einer ſeiner blutarmen Verwandten, von ihm ein Almoſen zu bitten, und in der gerechten Wuth über dieſe Kühn— heit wollte Hr. Wodenblock ſeinem zupringlichen Vetter eben mit dem Fuße
einen Beweis a posteriori geben, daß man viel ſchneller über eine Treppe
hinab— als herauf kömmt, als er das Unglük hatte bei dieſem Manöver das
Gleichgewicht zu verlieren, und kopfüber die Stiege hinab zu ſtürzen, über
welche er den armen Verwandten zu werfen im Begriffe ſtand.
Von dem Sturze betäubt, konnte er lange die Beſinnung nicht wieder ſinden. Als er zu ſich kam, fand es ſich, daß das rechte Bein gebrochen und drei Zähne eingeſchlagen waren. Im erſten Augenblike war Hr. Wodenblock feſt entſchloſſen, ſeinen unſchuldigen Vetter des Nersee anzuklagen; doch ſiegte ſeine angeborne Großmuth und Herzensgüte, und er ließ ihn blos in den Schuldthurm werfen, wo ihm der ſüße Troſt übrig blieb, daß ſein Weib und ſeine Kinder der Freiheit genößen— in kurzer Zeit vor Hunger und Elend umzukommen.
Ein Dentiſt erſezte die drei verlornen alten Zähne mit drei neuen, ſcho⸗
nen und weißen, die er einem armen Poeten um den Preis von 10 Sous per Stük ausgezogen hatte, da ſie jener ſo nur höͤchſt ſelten bedurfte, weil* wie es bei Poeten ſchon geht, im ſtrengſten Sinne des Wortes nichts zu beiſ⸗ ſen und zu nagen hatte. Der Zahnarzt verkaufte ſelbe an Hrn. Wodenblock, um bei dem Handel nichts zu verlieren, um die artige Summe von 30 Louisd'or.
Der berühmteſte Chirurg von Rotterdam ward gerufen, den Zuſtand des gebrochenen Beines zu unterſuchen.— Bei dieſer Unterſuchung fiel dem Guten ein, daß die Preiſe der Kadaver enorm hoch ſeien, und er eben jezt eines Bei— nes bedürfe, um bei den anatomiſchen Vorleſungen ſeinen Schüleyn die nöthi⸗ gen Demonſtrationen geben zu können; er hütete ſich, eine ſo günſtige Gele— genheit zu verſäumen und amputirte mit der größten Nettigkeit das Bein, welches er ſorgfältig mit nach Hauſe nahm, um es zu obigem Behufe zu benüzen.
Herr Wodenblock, der ſonſt gewöhnt war, ſeinen täglichen Spazirgang zu machen, fühlte den Mangel der verlornen Extremität um ſo mehr, als die Bewegung einer Kutſche bei ihm dieſelbe Wirkung machte die bei einem An— dern zwei Gran tartari cemetiei hervorbringen. Dies beſtimmte ihn, um Mei ſter Turningvort' zu ſenden, um bei ihm ein Surrogart für das verlorne, von Vater und Mutter ererbte Bein, zu beſtellen.
Der Künſtler trat mit der unterthänigſten Miene in das Gemach des reichen Kaufherrn, welcher der Länge nach auf einem weichen Sofa ausgeſtrekt
lag. Sein linkes Bein ruhte auf einem relchgeſtikten Teppiche, der zugleich 1
den Mangel des rechten verbarg.
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