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Der Modenkurier. (Paris, 25. Jan. 1855.)
„Nichts Neues unterm Sonnenlicht; Doch neu heißt, was die Mode ſpricht!““
1. So viele Tage in der Woche, ſo viele merkwürdige Bälle und Konzerte. Auf den Bällen gewahrt man fortwährend ſehr reiche Toiletten, die ſtets mit Diamanten begleitet ſind; bei Konzerten, wo ſich die antiken For men erhalten, ſind die Anzüge viel einfacher. Es ſind Kreppkleider, die vorne offen ſind, Ueberröke von glattem Atlas, ohne irgend eine Garnirung. Das Oberkleid von Krepp hat einen ſehr großen Saum und wird nur ſehr einfach durch glatte Atlasbänder zuſam— men gehalten.
2. Die Turbans ſind die unerläßlichen Koeffüren der Konzerte, jene von engliſchen Spizen ſind die eleganteſten. Eine dike Blu— me, oder ſehr geſchikt verbundene kleine Blüm— chen, werden gewöhnlich unter die Falten der Spizen angebracht. Die orjentaliſchen Turbans haben nichts von ihrer Gunſt ver— loren; ſie ſind von Gold- und Silbergaze, untermiſcht mit farbigen Gazen oder Atlas und Cachemir. 0
3. Krepp, Sammet und Atlas werden ebenfalls zu Konzerthüten verwendet; einer der eleganteſten, welchen wir ſahen, war von azurblauem Sammet, mit einer niedrigen Form und einem auf einer Seite ſehr aufge— richteten Schirm. Die Paradiesvogelfeder, in Reigerform, war auf dieſem Theil des Schirms angebracht und ein ähnlicher Reiger zierte den obern Theil des Schirms auf der entgegengeſezten Seite.
4. Ein roſenrother Krepphut war auf eine ſonderbare, aber ſehr anmuthige Manier auf— gepuzt. Ein Paradiesvogel war auf der lin— ken Seite des Schirms angebracht und unter der rechten Seite befand ſich eine Touffe klei⸗ ner roſenrother Blumen, die geſchikt unter die Haare gemiſcht waren.
5. Die Blondhauben erfreuen ſich fort während ciner großen Beliebtheit. Ein gro⸗ ßer Theil hat keinen Boden, andere haben durchbrochene Boden, breit genug, daß die Haartouffen durchgehen können.
6. Wir müſſen bemerken, daß nicht nur
die Stadtkleider, ſondern auch die Ballklei⸗
der heuer außerodentlich lang gemacht werden.
8. Der roſenrothe oder blaue getoperte Sammet wird mit großem Erfolge zu den eleganteſten Halbtoiletten verwendet. Man verfertigt daraus hinaufragende Kleider mit glattem Leibe, die unter der Kehle mit einer Schnürwerk Beſezung, dle bis hart an 1 Taille geht, verſehen iſt. Die breiten Aermel, haben ein Bindchen, das hoch genug iſt, um 5 die Manchette von englliſchen oder Alengoner Spizen ſehen zu koͤnnen. Mit dieſen Klei- dern tragt man eine ſchöne Schnur von Po- ſamentirarbeit, oder eine breite Atlasbinde, N die ſeitwärts zugebunden wird. 5
8. Man tragt jezt, als einziges Geſchmei· 5 de, eine prächtige Agraffe in der Mitte der Draperien des Leibes. Hat man ein Bandeau oder Ohrringe, ſo gleichen ſie der Auraffe; aber oft hat man nichts welter als dieſe Agraffe.
9. Man begreift nicht, warum nicht auch ſchon in die Anzüge der Männer eine kom- plette Revolution eingetreten iſt. Manche hatten wohl ſchon verſucht, die Moden des ſechzehnten Jahrhunderts einzuführen; aber da ſie ſelten und verlaſſen blieben, machten ſie ſich nur lächerlich und man blieb auf dem gewöhnlichen Wege. So ſind die Anzüge der Männer nicht mehr im Einklange mit, jenen der Frauen. Ihre knappen und anliegen— den Kleider ſtechen gewaltig von den ſo wei⸗ ten Roten-und Bauſchärmeln ab,. In einem Salon braucht jezt eine Dame den doppelten Plaz von einem Herrn. a
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Modenbil d. Nr. 7.
pariſer Ballanzüge vom 25. Jan. Koeffüren, die wegen ihres Reich⸗ thums und der über die Stirne gehenden Tor— ſade, an türkicche Kopfpuze erinnern; ſie ſind groß gewachſenen Damen mit regelmäßigen Zügen zu empfehlen; ſie harmoniren auch mit der übrigen Ausſtattung, in welcher aſia⸗ tiſcher Luxus glänzt. Das gelbe Oberkleid iſt von satin scarron, das hochrothe von Sam- met, beide mit Edelſtein-⸗Agraffen und Blonden garnirt. Die Falben der Uaterkleider ſind ebenfalls von Blonden, eben ſo die d, len. Die Leibchen ſind à Ja Marie Stuart. Die ſchöne Schärpe heißt,, Memphis ⸗ Schärpe.“
Herausgeber und Berleser Jranz Wieſen.„
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