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wohlbewaffneter Männer hinein. Obgleich den Venetianern an Zahl weit nach⸗ ſtehend, leiſteten die Seeräuber doch einen verzweifelten Widerſtand und erſt als Alle gefallen oder ſchwer verwundet waren, blieben die Venetianer Herren des Fahrzeugs und erhielten die geraubten Mädchen darin zurük, welche die Schreken der Schlacht durch ihr Geſchrei vermehrt hatten. Die andern Schiffe folgten dem rühmlichen Beiſpiele, die Scampabias bildeten einen Kreis und binderten die Boote der Piraten zu entfliehen.
Liebe und Rache, die gewaltigſten Leidenſchaften unſerer Natur, trieben die venetianiſchen Jünglinge, welche ſich wüthend in den Kampf ſtürzten; aber die Piraten waren auch keine Memmen und riefen erſt dann um Schonung, als die Meiſten in die See geſtürzt worden oder hilflos auf dem Boden ihres Fahrzeugs lagen. Nach einem entſezlichen Kampfe wurden die Piraten, welche den kühnen Raub der Römer nachgeahmt, aber bei den venetianiſchen Mädchen nicht die Sympathie wie die Römer bei den ſchönen Sabinerinen gefunden batten, gänzlich überwunden oder vielmehr aufgerieben, denn nur wenige blie— ben am Leben und wurden von den aufgebrachten Venetianern gefangen mit fortgeführt. g f
Das Schwerterklirren, das Geſchrei der Kämpfenden hörte auf und der Jubelruf:„Viva San Marco!“ übertönte das Weheklagen und Aechzen der Sterbenden. Die venetianiſchen Bräute wurden al le gerettet, und Szenen des Entzükens folgten der verzweifelten Angſt. Dieſe Szenen waren um ſo auffallender, da die Männer mit Blut beflekt, die Haare der Mädchen aber aufgelöſt und ihre Gewänder zerriſſen waren. Feſt umſchloſſen von den Armen ihrer Geliebten, dachten ſie an kein Leid und an keinen Schmerz mehr.
Wir wollen nicht verſuchen, die allgemeine Freude in Venedig zu ſchil— dern, als die Flotte, die ihre Pflicht ſo wohl gethan, gegen Sonnenunter— gang bei der Inſelſtadt wieder ankam und Alles, was dieſelbe verloren hatte, ihr zurükbrachte. Es wurde beſchloſſen, die Hochzeitsfeierlichkeiten ſogleich wieder zu beginnen, damit die althergebrachte Sitte nicht verlezt werde und Lichtmeß nicht vergehe, ohne das Glük ſo manchen jungen Paares zu ſehen. Die Bräute wurden deshalb im Triumph in die Kirche von Olivolo zurükge⸗ führt und nach einem Dankliede feierlich mit ihren Geliebten und Befreiern vereint. g a
Das Andenken an dies Ereigniß wurde Jahrhunderte lang durch einen jährlichen Aufzug junger Mädchen und einen Beſuch des Dogen in der Kirche von Santa Maria Formosa erneuert und die Piraten, welche den kühnen Raub vollbracht, vernichtete die erzürnte Republik bald darauf gänzlich.
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Einſt ließ Friedrich der Große ſeinen Hunden durch den Leibjäger eine Schüſſel mit gebratenen Feldhühnern vorſezen. Diana, ein junger Lieblings⸗ hund, nahm ein junges Hühnchen von der Schüſſel, ſprang auf des Königs Schreibtiſch, und verzehrte es auf einem Briefe, welchen der König eben an den Landrath Hübner in Stettin geſchrieben hatte, und der in ſehr ſchmei⸗ chelhaften Ausdrüken abgefaßt war, weil er dieſen Mann ſchäzte. Als der


