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„Friſcher Wind, führe uns nur eine kurze Zeit und die Bräute von Venedig ſollen wieder unſer ſein, das Blut der Seeräuber ſoll das adriatiſche Meer färben, welches ſie ſo lange mit Raub und Mord beflekten,“ rief freu⸗ dig der Doge Candiano, während die Herzen Aller, die bei ihm waren, die— ſelbe Hoffnung und dieſelbe Rache ſchwellte.
Die venetianiſchen Galeeren erreichten bald die Scampavias und ein Jubelruf begrüßte die Vereinigung der Flotte. Die leichtern Fahrzeuge konn⸗ ten indeß jezt, troz dem, daß auch ſie Segel ausſpannten, nicht Schritt mit den Galeeren halten und blieben bald hinter denſel ben zurük..
Aber der Thau des Himmels fällt auf die Felder der Guten wie der Böſen, des Himmes Hauch ſchwellte die Segel der Räuber ebenſo, wie jene der Beraubten. Indeſſen näherten ſich die Venetianer den Piraten doch allmä⸗ lig ſo aß dieſelben und die geraubten Jungfrauen in den Varken geſehen und gehört werden konnten. 5
In dieſem kritiſchen Augenblike wurde der Wind mit einmal ſchwächer und ſchwächer, die Segel hingen an den Maſten ſchlaff herab und die Kriegs⸗ galeeren ſtanden faſt bewegungslos auf den Wellen. Die Seeräuber reff ten ihre Segel ein, griffen von neuem zu den Rudern und flogen mit einem höh⸗ nenden Siegesgeſchrei pfeilgeſchwind von dannen. Die Venetianer knirſchten mit den Zähnen und ballten ohnmächtig die Fäuſte. Einige ſanken auf den Verdeken auf die Knie und beteten mit flehentlich erhobenen Händen um Er— neuerung des Windes, wenn er ſich auch zu einem Sturme erheben ſolle; An- dere gaben bereits die Hoffnung auf, die verlorenen Schäze wieder zu erhalten, ſobald die Piraten einmal ihre Schlupfwinkel wieder erreicht hätten, und jeder Nuderſchlag brachte ſie der dalmatiſchen Küſte näher,, wo ſie außer den Schlupfwinkeln Freunde und Verbündete, Todfeinde der Benetianer, fanden.
Die Scampavias erhielten wieder einen Vorſprung und entfernten ſich troz dem, daß es ihnen der Doge ſelbſt verboten hatte, der nun fürchten mußte, auch noch manchen tapfern Sohn Venedigs zu verlieren, ſtatt die ſchön⸗ ſten Töchter der Stadt wieder zu erhalten.
Die Windſtille währte fort und die Galeeren mühten ſich hinter den leichtern Fahrzeugen und den Barken der Seeräuber her, welche immer klei— ner und kleiner wurden. Alle überließen ſich der Verzweiflung, nur ein alter Matroſe deutete freudig auf eine ferne kleine weiße Wolke, die über den kla— ren tiefblauen Himmel hinſchwamm. Im Anfange war ſie ſehr klein und ihre Bewegung äußerſt langſam; je näher ſie kam, um deſto mehr nahm ihre Größe und Bewegung zu und die Wogen der See rollten, als würden ſie von ihr gezogen, mit ihr in langen Furchen hin. Die Venetianer jubelten noch ein⸗ mal auf, die weißen Segel wurden wiederum ausgeſpannt und in wenigen Augenbliken flogen die Galeeren raſcher noch als das erſtemal dahin. Die Scampavias wurden eingeholt und die Seeräuberbarken von neuem erkannt. Der Wind wehte immer ſtärker, die Maſten krachten unter der Laſt der Se— gel; der Wellenſchaum flog auf die Verdeke und durchnäßte Alles in den Vo— ten, aus denen mit Mühe das Waſſer hinausgeſchafft wurde.
Es war zwei Uhr Nachmittags als ſie mit den Piraten zuſammentrafen, als der blutige Kampf begann. Die Galeere des Dogen war voraus, enterte eines der größten feindlichen Fahrzeuge und warf einen Haufen muthiger,


