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geben, ihre zahlreichen Fahrzeuge hinter der Inſel verſtekt, welche damals nur von einigen Prieſtern bewohnt war, waren unentdekt geblieben und hat— ten den geeignetſten Augenblik zur Ausführung ihres lange gehegten Planes gewählt. 5
Unter dem wachſamen geübten Auge des Dogen von Venedig waren die Fahrzeuge bald zur Abfahrt bereit und eine ſchöne Flotte Galeeren und ſtar— ker scampavias fuhr aus den ſchmalen Kanälen in die offene See hinaus. Die Beſten der Bewohner der Republik mit ihrem tapfern Dogen an der Spize befanden ſich darauf, und nur mit Mühe ließ ſich Hettor Urſeolo von ſeinen Freunden überreden, ſein graues ehrwürdiges Haupt nicht den Gefahren der Verfolgung und Schlacht auszuſezen. Kein Lufthauch bewegte das Meer, es lag glatt da wie ein Spiegel; man ſah die Varken der Seeräuber, in denen ſich die Bräute, die Töchter, die Schweſtern der Venetianer befanden, deut— lich vor ſich, und da beraubte Liebhaber, Väter und Brüder die Ruder führ— ten, ſo läßt ſich wohl glauben, daß die Schiffe über die ruhige See pfeil— ſchnell dahin glitten. Es war ein ſchöner Anblik; ſtatt des friedlichen Feſtpu— zes trug jeder Venetianer jezt ſeinen Kriegerſchmuk. Da nun die Waffen und RNüſt ungen in den Strahlen der Sonne blizten, die Fahrzeuge durch die Wel— len bindurchſchnitten und einen langen Streifen Schaum hinter ſich zurüklie⸗ sen, ſo glichen ſie einer Schaar erzürnter Drachen, die ihre Zähne zeigten und die funkelnden Augen auf die Gegenſtände richteten, deren Verderben be— ſchloſſen war. Die scampavias und leichtern Barken gewannen vor den Kriegs⸗ galeeren bald einen Vorſprung und ſie waren ſo eifrig und furchtlos bei der Verfolgung des Feindes, daß ſie kaum auf die Befehle des Dogen achteten, der aus Klugheit ihr Zuſammentreffen mit den ſtarken Fahrzeugen der See— räuber ohne Beihülfe der ſchwerern Schiffe verhüten wollte. Als ie ihren Lauf hemmten, um wit der Galeere des Dogen in gleicher Linie zu bleiben, gewannen die Piraten ſogleich wieder Vorſprung. Ach! wie beteten da die Ve⸗ netianer nur um ein wenig Wind, der die Segel ihrer Schiffe ſchwelle und ſie dem Feinde nachtreibe, den ſie mit ihren Rudern offenbar nicht erreichen konnten. Fortwährend blikten ſie an den Himmel auf oder hielten die Hände empor, ob ſich nicht ein ſanfter Luftzug fühlen laſſe, aber noch immer hing die Flagge der Republik auf der Galeere des Dogen ſchlaff an dem Flaggen— ſtoke herab und der Wind kam nicht. Unterdeſſen wurden die Barken der See— räuber immer kleiner und kleiner, ſchienen unter die Linie des Horizonts hinabzu ſinken und konnten nicht mehr geſehen werden. Dies ertrugen die jun— gen Venetianer nicht, unbekümmert um Befehle und Signale ſchoſſen die scampavias wieder mit aller Kraft vorwärts und ließen die Kriegsgaleeren weit zurük.(Beſchluß folgt.)
Ein Gewitter in Gibraltar.
Man ſchreibt von Gibraltar vom 20. Nov.„Seit einigen Tagen haben wir hier entſezliches Wetter. Am 17. ſiel ein fürchterlicher Regen, den ſchnell auf einander folgende Donnerſchläge begleiteten. Gegen halb zehn Uhr ſchie— nen die über dem Felſen hängenden Wolken in Maſſe auf die Stadt herabzu—


