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hinſtürzten und ſtarben. Nach wenigen Minuten ruderten die Iſtrioten luſtig von bannen.. 3
Die Venetianer ſtanden in düſterer, machtloſer Verzweiflung da, als der kräftige, entſchloſſene Greis, Hettor Urſeolo und der jüngere Doge Candiano vortraten und ſie anredeten. Die Vatrizier ſprachen zu mehreren Gruppen, aber ihre Worte waren dieſelben. 8
„Tapfere Männer von Venedig!“ ſprachen ſie, überlaßt euch nicht weibiſchem Grame und der Verzweiflung! Das Unglük kann durch euere ge⸗ wohnte Tapferkeit noch abgewendet werden. Was das Schwert des Räubers gewonnen— ach hätte jeder von euch wenigſtens einen Stab in der Hand gehabt!— kann das Schwert des Verlobten, des Vaters, des Bruders wie⸗ der erhalten. Wir haben Schiffe und Waffen in Venedig; laßt uns dahin eilen und die verfluchten Iſtrioten verfolgen.“.
„Tod und Verderben den Räubern!“ riefen die kühnern Stimmen, wäh⸗ rend die Uebrigen ſich nach und nach wieder erholten, und in wenigen Minu— ten eilten alle Venetianer, ſelbſt die alten und ſchwachen, auf den Flügeln der Nuder ihrer feſtlichen Gondeln nach dem Arſenale der Stadt, wo die ſtärkern Fahrzeuge und Kriegsgaleeren vor Anker lagen. Während dieſelben ſegelfertig gemacht werden, beſchäftigen wir uns mit ihren Feinden, den Iſtrioten.
Die öſtliche Seite des abriatiſchen Meeres oder die dalmatiſche Küſte, welche vor der italieniſchen liegt, iſt weit weniger ſchön und fruchtbar. Eine faſt ununterbrochene Reihe rauher hoher Felſen, bisweilen mit einem Inſel— chen, an die ſich der Seefahrer nur bei ganz ruhigem Wetter wagt, und eine Kette nakter himmelanſtrebender Gebirge jenſeits jener Felſen, das ſind ihre hervorſtechendſten Züge; ihre Buchten aber ſind, iſt man einmal hineingekom— men, ſicher und laſſen ſich leicht gegen den Angriff eines Feindes vertheidigen. Mehrere Gruppen von Inſeln und Inſelchen, zwiſchen denen nur der zu ſchif— fen wagen kann, welcher ſie genau kennt, erſtreken ſich an der Küſte hin und machen ſie zu einem vortheilhaften Punkte für die, welche Seeräuberei trei— ben und ihre Beute ſichern wollen. Die Narentiner, welche ſich an der Spize des tiefen Buſens von Narenta, faſt Ankona gegenüber, niedergelaſſen und vermehrt hatten, waren die zahlreichſten und kühnſten; aber es gab außer i h⸗ nen noch manche Räuber unter den Dalmatiern und Iſtriern, welche in ihren mit wunderbarer Gewandtheit geleiteten Barken auf dem adriatiſchen Meere an der ganzen italieniſchen Küſtenlinie hin, an den Inſeln Corfu, Zante, Ce⸗ phalonia und den Küſten des benachbarten Griechenlands raubten und plün— derten. Die Schiffe und der Handel des fleißigen Venedigs hatten oft von ih⸗ ren Räubereien gelitten, die immer, weiter um ſich griffen und faſt ſtraflos geſchahen, als in der Mitte des neunten Jahrhunderts der Staat durch Par⸗ teilungen zerriſſen wurde und die mit ihren innern Kämpfen beſchäftigten Ve⸗ netianer ihren äußern Schuz und die Mittel vernachläſſigten, welche die See— räuberei bisher noch etwas im Zaume gehalten hatten. Die Iſtrioten, welche mit Glük das allgemeine Handwerk trieben— die Seeräuber, die, wie wir geſehen, die venetianiſchen Bräute weg führten, waren lange mit dem Feſte zu Olivolo bekannt geweſen und hatten gewußt, daß Jedermann unbewaffnet da⸗ hin gehe. Sie hab ken ſich in dem Dunkel der vorhergehenden Nacht dahin be⸗


