Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
76
 
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der Ghibellinen und Guelphen ſin⸗ gend ausgefochten wird und morgen eine gar anmuthige Liebes-Intrigue rezitirend über die Szene gehet; wo wir bald in das antike Mythenthum, bald in das moderne Pariſer Leben ver ſezt werden; wo wir heute mit der Maria Stuart weinen und morgen mit dem Lumpazivagabundus lachen; wo wir bald der unglüklichen Norma kondoli ren, bald dem glüklichen Pfeiffer röſel gratuliren; wo endlich heute geraubt und gemordet und morgen getanzt und gejodelt wird. Alſo von unſerm Thea ter wollen Sie Nachrichten? Nun da fällt mir ein mächtiger Stein vom Herzen; denn hier heißt es: difliile est satyram non seribere! Hören Sie, Hr. Redakteur! unſer Theater iſt das beſte in der Monarchie. Mad. Mink, die beſte Sängerin; Hr. Watzinger, der beſte Tenoriſt; Hr. Schinn, der beſte Baſſiſt; Hr. Höfer, der beſte Baritoniſt; Hr. Klauer, der beſte Schauſpieler; Hr. Poſinger, der beſte Intriguant; Mad. Grill, die beſte Schauſpielerin; Hr. Gae de, der beſte Komiker; Dem. Wil de n⸗ auer, die beſte Komikerin; Dem. Tuffner, die beſte Tänzerin; Hr. Urbany, der beſte Kapellmeiſter 3 und Hr. Haffner, der beſte Thea terdichter; kurz, Sie ſeben, wan hält hier Alles fürs Veſte. Das ſind die Matadore, nun kommen wir zur zwei ten Klaſſe(nicht vermöge der Kunſt, ſondern vermöge ihrer hieſigen Stel lung). Da iſt Dem. Schebeſt in der Oper, die viel Methode beſizt. Man bat es ihr vorausgeſagt, daß es ſo kommen werde; ſie iſt herabgeſtiegen von ihrer ehrenvollen Stufe und aus purem Reſpekt für die jezt ſo vortreff lich geleitete Oekonomie der Direktion, die uns das Fach einer dritten Sänge rin, ſo wie vieles Andere, ganz ent behrlich machte, hat dieſe ſchäzbare Sän

gerin den Rataplan, den kleinen Tam bour, und den Pagen, imJohann von Paris, übernommen, und ſiehe da, Mad. Mink erhob ſich. Im Schau⸗ ſpiel nennen wir die Frauen Deny und Leynſitt, und die Herren Grohmann und Fiſcher, und in der Parodie ſo nennt man bier die Lokalpoſſe! Dem. Gärber und Hen. Macho. Dritte Individuen haben wir nicht, ſondern ich muß gleich auf die zwölften ſpringen, und da iſt in der Oper Mad. Klimmetſch und im Schauſpiel Hr. Malizk y zu erwähnen.

Zu unbeſtimmten Klaſſen gehören die Herrn Rün ner(ein ſehr verwend bares und fleißiges Mitglied), S i meon und Dem. Fußgänger. Ue⸗ brigens haben wir noch(nach dem neue⸗ ſten Theater-Almanach von Beur⸗ mann), einen Lampenpuzer mit vier Gehilfen, die eifrig ein angenehmes Dämmerlicht zu unterhalten beſorgt ſind. Am beſten iſt bei uns das Fach der Zettelträger beſezt: man denke ſich einen Meiſter und neun Gehilfen! Al⸗ lerdings erhalten dieſe von der Direk tion keine Gage, aber wir müſſen es ihr dennoch danken, daß ſie ſolch gro ßes Perſonale duldet, da ſie doch ſonſt eine große Averſton vor großen Perſo nalen, zum Beiſpiel vor einem großen Chorperſonale, affektirt. Noch habe ich zu bemerken, daß wir auch einen Haus⸗ inſpektor haben.

Ja, Mad. Mink oder Nachtigall⸗ Mink, wie Philipp Weil ſie nennt, iſt die Perle unſerer vielbelobten Büh⸗ ne. Sie ſollten ſie als Norma hören! Ich falle jezt aus meiner Rolle und verſichere Sie in allem Eu nſt, ſie würde Sie mehr als manche Vielbe lobte befriedigen, wenigſtens, wenn auch nicht im kunſtvollen Vortrage, doch in der Makelloſigkeit ihrer wohlklin⸗