Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
74
 
Einzelbild herunterladen

74

Kirche ſelbſt von den gottloſen Räubern entweiht, von denen die Venetianer ſchon ſo viel gelitten hatten, daß der bloße Name Iſtriote Schreken verur ſachte, und ein hartuäkiger, ganz ungleicher Kampf begann zwiſchen den Bräu⸗ tigamen, den Freunden derſelben und den Seeräubern. Die Werkzeuge des Kriegs ſchikten ſich nicht zu einer Zeremonie des Friedens und der Liebe, und um auch zu vermeiden, daß die kleinen Zänkereien, zu denen die warmblüti⸗ gen Venetianer leicht zu bringen waren, ohne ernſte Folgen blieben, hatte ſchon ſeit langer Zeit Jedermann an Lichtmeſſe und an dem allgemeinen Hoch zeitstage Venedigs die Waffen ablegen müſſen ſo daß es al ſo jezt in der Kirche kein Schwert, keinen Dolch gab und die unbewaffneten Venetianer, größtentheils verwundet, in einen Winkel der Kirche getrieben wurden, wo ſie mit ihren Körpern eine Schuzmauer um ihre bebenden Bräute zu bilden ſuchten.

In dieſem Augenblike trat der alte Hettor Urſeolo, der eben am Ho ch⸗ altar ſtand und deſſen ehrwürdiges Alter, wie noch immer gebietende Perſon und Haltung wohl Eindruk auf die Gemüther roher Männer machen konnten, vor, und redete die Vorderſten der Angreifer alſo an:

Freunde! ihr findet uns alle ohne Waffen und ihr wußtet es wohl, uns alſo zu finden, ſonſt würdet ihr nicht hier ſein, hier vor den Venetia nern, die euch ſo oft gezüchtigt haben; wir ſind in euerer Gewalt, durch feige Hinterliſt euere Gefangenen. Nehmt alſo den glänzenden Schmuk, die Edelſteine und das Gold, das euch hierhergelokt, nehmt Alles, ſage ich, und dann hinweg mit euch! Venedig wird den Vecluſt nicht empfinden; ſein Fleiß wird es immer reicher machen, als der Raub euere Schlupfwinkel. Der Staat wird den Verluſt ſeiner ſchönen Töchter erſezen nehmt alſo die Brautga⸗ ben nehmt Alles, ich ſage es noch einmal und der alte Patrizier zeigte die offenen Koffer, welche die verſchiedenen lokenden Schäze enthielten, die ſämmtlich in die Kirche gebracht worden waren, damit der Segen der Diener Gottes darüber ausgeſprochen werde. 5

Die Beute war groß und manche der Iſtrioten wollten bereits die Hände nach dem funkelnden Geſchmeide ausſtreken; aber einer, der ihr Anführer zu ſein ſchien und gerade vor Hettor Urſeolo ſtand, ſchüttelte ſein Haupt bei dem Vorſchlage des alten braven Mannes und ſprach:Es iſt nicht genug! es iſt nicht genug! Wir rechnen auf größere Schäze als dieſen Tan.

Ihr Unerſättlichen! eure Fahrt über das adriatiſche Meer wäre durch dieſes Gold und dieſe Edelſteine wohl theuer genug bezahlt; aber wir ſind euere Gefangenen und ihr wollt auch noch ein Löſegeld haben? Es ſei auch dies? was verlangt ihr als Löſegeld? fragte Urſeolo, der wohl fühlte, daß ſie in der Gewalt der Räuber waren, und Gewaltthätigkeiten an den ſchön ſten und edelſten Kindern Venedigs verhüten wollte.

Was wir ſuchen, iſt ſelbſt mehr als ein Löſegeld für euch Alle, die ihr hier verſammelt ſeid, erwiderte der Seeräuber hauptmann, indem er ſe i⸗ nen langen ſtruppigen Bart ſtrich und wohlgefällig lächelte.

Nun was verlangſt du, das deine Raubluſt befeiedigen kann? fragte Urſeolo,willſt du die Stadt des heiligen Markus ſelbſt haben? Nein! bei dem heiligen Evangeliſten, deſſen Gebeine in unſerer Kirche cuhen, deſſen ſchüzende Flügel über Venedig ſich ausbreiten, dieſe wird nie dein ſein. Wir