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Ziel aller derer, welche dem Staate ein Geſuch zu übergeben hatten, oder den alten Urſeolo ſelbſt um ein Geſchenk bitten wollten.
Eines Morgens früh am Tage und früh im Jahre, als der ehrwürdige Beamte des Staats in einem Zimmer ſaß, das über das breite adriatiſche, von Winterſtürmen heftig 8 Meer hinſah, trat ein Diener zu ihm, um Beſuche anzumelden.
„Wer kommt ſo früh, Andrea? Sind es Voten von dem Rathe, oder von dem Dogen, oder... 2“ fragte Urſeolo.
—„Nein, Signor, es iſt nur Sandi mit ſeinem Weibe Beatrice und ſeinem Sohne Marco, nebſt Margherita und deren Mann Giacomo und ihrer hübſchen Tochter Tereſa— die alle gekommen ſind, wie ich vermuthe, um Euch dafür zu danken, daß Ihr Euch um die Heirath und die Mitgift für Tereſa verwendetet.“
„To wird es ſein,“ entgegnete der gutmüthige Alte.„Laß ſie nicht warten und führe ſie ſogleich herein, denn außer den Verlobten ſind ſie alle alt wie ich ſelbſt und müſſen in dem kalten Wetter frieren.“
Andrea entfernte ſich und führte in dem nächſten Augenblike die Fami— lien herein, welche ehrfurchtsvoll auf den Herrn des Hauſes zugingen, ſich tief vor ihm verneigten, ihm die Hand küßten und mit kurzen Worten ihren Dank ausſprachen. Tereſa, die jugendliche ſchüchterne Braut war die lezte, welche dieſe Pflicht zu erfüllen hatte, und als ſie ihre vollen warmen Lippen auf die runzelige Hand Urſeolos drükte, und aufrichtig, aber kaum hörbar ihren Dank ausſprach, verſicherte der Greis, er ſei glüklich, daß ſeine Em— pfehlung des ſchönen und tugendhaften Paares bei der Republik Erfolg ge— habt habe, daß er ſelbſt der Hochzeit beiwohnen und einen Becher Wein auf ihr und der übrigen jungen Bräute und Bräutigame Venedigs Wohlergehen trinken werde.
Es beſtand ſchon ſeit alter Zeit in Venedig die Sitte, daß alle Trauun— gen der Edlen und vornehmſten Bürger an einem und demſelben Tage und in einer und derſelben Kirche ſtattfanden. Der Feſttag Lichtmeß war der zu die— ſer Hochzeitsfeier beſtimmte glükliche Tag, ein öſſentliches allgemeines Feſt, denn alle Jahre gab die Republik aus ihrem Schaze zwölf Töchtern der är— mern Bürger Ausſteuer, dieſe ſchloſſen ſich den andern Bräuten an und wur
den zugleich mit den ſchönſten und edelſten Töchtern Venedigs getraut. Wo es aber ſo viele arme Mädchen gab, mußte gewählt werden, und es kam dabei natürlich auf Empfehlung an.
Es war ein ſchöner Tag, die Lichrmeſſe. Der Himmel ſelbſt ſchien den Hochzeitsmorgen zu begünſtigen, denn obgleich noch früh im Jahre, war er mild und ſüßduftend, als würde er von der Frühlingsſonne erwärmt. Der tiefblaue Himmel oben und das Meer, das Venedig mit ſeinen hundert In— ſeln umgürtet— in der Nähe ſmaragdgrün ſchimmernd, aber in der Ferne blau wie der Himmel und mit ihm faſt verſchwimmend, verriethen keine Spur von dem ſtrengen Winter.
Hettor Urſeolo begab ſich mit mehrern Freunden an den Ort, wo ſich die Bräute Venedigs verſammelten und wo ſich die ganze Bevölkerung der
Stadt zuſammendrängte, entweder um Theil zu nehmen an dem jährlichen Jeſte, oder um ſich blos daran zu ergözen. Die Vrävtigame mit ihren Ver—


