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Zauberiſche Melodleen Horch da tönt ein neuer Walzer, Schmeicheln in das Herz ſich eln; Klag' und Jubel im Verein, Untreu muß es wider Willen Und, als ſchmelzende Begleitung, Seinem liebſten Grame ſein. Tönt ein Glökchen ſilbern drein. Und die Lüfte ſelbſt ermatten, Er entzükt die frohen Tänzer, Fenſter werden aufgethan, Macht beinah' die Spieler irr z Und, die müden abzulöſen, Wie erfaßt vom Zaubertaumel, Wogen friſche lüſtern an. Wogt das brauſende Gewirr.— Und in kühler Fenſtereke Jezt verſtummten Flöt' und Geige, Stand ich, ein Vergeſſner, da; Nur das Glölchen klang noch lang: Ernſt genießend, was ich hörte, Denn es war das Zügen glöklein, Still betrachtend, was ich ſah. Das durch's offne Fenſter klang.
Die venetianiſchen Braut e. (Hiſtoriſche Novelle.).
Die Gleichheit Aller, welche in unſern Tagen als charakteriſtiſches Zei— chen eines Freiſtaats angenommen wird, fand ſich in keiner Republik, welcher die alte und neuere Geſchichte erwähnen. Selbſt in der Kindheit dieſer In— ſtitutionen und wo freie Männer zu gegenſeitigem Schuze und kräftigerer b⸗ wehr des gemeinſamen Feindes zuſammengetreten waren, ſtanden immer einige, die höhern Verſtand oder größern Muth beſaßen, oben an und nach und nach wurde die Regierung des kleinen Staates mit den Auszeichnungen, welche die Macht und Herrſchaft ihren Beſizern zu geben vermögen, Eigenthum einer mehr oder minder zahlreichen Klaſſe oder Kaſte. Mögen Theoretiker immer klagen, die Eigenſchaften und Tugenden des Vaters gingen nicht immer auch auf den Sohn über, und dieſer könne der Vorrechte, die ſein Vater genoſſen, gänzlich unwürdig ſein— der Vorgang, nach dem ſich ein erbliches Recht bil⸗ det, iſt in der Natur begründet und unvermeidlich und muß ſtets zur Bildung einer Ariſtokratie oder eines höhern, ausgezeichnetern Standes führen. Nir— gends war dieſer gewöhnliche Verlauf der Dinge deutlicher als in der alten Republik Venedig, welche im Anfange von zwölf jährlich gewählten Tribunen regiert, 697 einem Herzoge oder Dogen untergeben wurde, deſſen Macht oli⸗ garchiſche Nathsverſammlungen bald beſchränkten, die allmälig die Regierung in ihre Hände zu bekommen wußten. Schon in der Mitte des zehnten Jahr— hunderts— dem Zeitpunkte unſerer Erzählung— hatte Venedig, das ſich ſelbſt ſtolz„die älteſte Tochter, die einzige rechtmäßige Tochter der römiſchen Republik“ nannte, die Verſchiedenheit und Ungleichheit der Stände, höherer und niederer Geburt zugegeben und die niedern Stände pflegten mit Ehrfurcht und um Schuz zu der adeligen und reichen Klaſſe empor zu ſehen.
Hettor Urſeolo, ein hochbejahrter Venetianer, gehörte zu den ſtolzeſten Namen der leztern; aber ſeine Tugenden waren ſo groß, daß Nie— mand auf den dichtgedrängten Inſelchen mit Neid und Eiferſucht ihn anſah. Beſonders beliebt war er bei den Armen und ſein Has— ſelbſt die Edlen in Venedig konnten ſich damals noch keiner Marmorpaläſte rühmen— war das


