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lobten, Verwandten und Freunden, alle in dem beſten Staate, in bunten Farben gekleidet, ſtanden am Ufer, an dem eine große Anzahl Gondeln hielt. Diejenigen, welche die Verlobten tragen ſollten, waren reich geſchmükt mit Teppichen, Deken, Vorhängen, Fähnchen und glänzender Seide.,
Wo die Liebe und das Vergnügen rufen, zögert ſo leicht Niemand. Alle waren verſammelt und man wartete nur noch auf den Dogen von Venedig, der nach der hergebrachten Sitte den Brautzug eröffnete. Der gütige und tapfere Vietro Candiano(der Dritte dieſes Namens, welcher den Dogenmantel trug) blieb auch nicht lange aus; er kam mit einem glänzenden Gefolge von Patri— ziern und Prieſtern, grüßte mit der Hand, da ſein Wort nicht gehort werden konnte und beſtieg ſeine prachtvolle Gondel, die nun ſogleich durch die zahl⸗ reichen Ruder an die Inſel Olivolo getrieben wurde, die Wohnung des Biſchofs und den Ort, wo die neuen Ehen geweiht zu werden pflegten. Die Edlen und vornehmſten Bürger folgten dem Dogen; die zwölf armen Bräute, mit Tereſa'n, die wir ſchon kennen, wurden zulezt übergeführt und das ganze Volk jubelte ihnen nach. a
Als die heltern Gruppen bald darauf die geweihte Inſel betraten, ſtimmten Muſikchöre an der Küſte und in den größern Gondeln fröhliche Me— lodien an, und unter den weithin tönenden oft wiederholten„Vivas 1“ bes Volkes ſtiegen die Bräutigame mit ihren Bräuten in Olivolo aus.
(Fortſezung'folgt.)
Der zinstragende Kreuzer.
Man hat oft, und mit Recht geſagt, daß die Erwerbung des erſten Thalers, oder vielmehr ſeine Erſparung, die den Grund zu einem großen Vermögen gelegt, am ſchwierigſten geweſen, und wahrlich man kann es weit bringen, wenn man immer einen Thaler übrig hat. Einen Beweis davon gewährt uns ein gewiſſer Marguerai, der nicht mit einem erſparten Thaler, ſondern mit einem erſparten Sous, oder ungefähr einem Kreuzer C. M. begonnen, und deſſenungeachtet ein bedeutendes Vermögen binterlaſſen hat. Marguerai war Mäuſe- und Maulwurfs fänger in einem Bezirke der ehemaligen Norman— die. Er erhielt nie mehr als einen Sous für eine gefangene Maus, oder für jeden Maulwurf, den er ſodann den Eigenthümern überließ. Er hatte nie einen Gehilfen, und bediente ſich nur der alltäglichen Mittel ſeines Gewer— bes. Eine eigene Wohnung hatte er nie. Er ſchlief in den Ställen oder in den Heuſchobern der Leute, die ihm Beſchäftigung gaben. Meiſtentheils er— hielt er von ihnen auch etwas zu eſſen, oder er nährte ſich in Feld und Wald, wie er konnte. Aber nie ſah man ihn einen Heller ausgeben. Seine abgetra⸗ genen Kleider waren Sommer und Winter dieſelben. Auf ſolche Weiſe trieb er ſein Gewerbe 60 Jahre lang, und war ſchon hoch in die Siebenzig, als nach und nach ſeine Kräfte abzunehmen begannen. Er wurde ſchwachſinnig, vernachläſſigte immer mehr die Mäuſejagd, ſprach von ausſtehenden Kapitalien, und ließ endlich bekannt machen, daß er eine anſehnliche Summe verloren habe. Seine Verwandten, die ſich bisher wenig um ihn bekümmert hatten, wurden jezt plözlich ſehr aufmerkſam. Sie nahmen ihn zu ſich, pflegten ihn, und erfuh—⸗


