Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
59
 
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Die übrige Zeit bringen ſie mit Rauchen, Schwazen noch immer der Lieb lingszeitvertreib der Franzoſen und in den unzähligen Salons littéraires zu, wo ſie die leichten Tagesſchriften leſen. Es iſt wirklich bemerkenswerth: kein junger Franroſe iſt ganz müßig, ganz ohne Sinn für Literatur und ganz unun terrichtet. Die große Maße derjenigen, welche man auf den engliſchen Univerſitaͤ ten, den fleißigen Leuten(reading men) gegenüber, luſtige Leute(gay men) heißt, macht niemals ein Buch auf, nimmt nie eine Zeitung zur Hand, lieſt nie auch nur drei Zeilen von Byron oder Walter Scott, oder dem populärſten Tagesſchriftſtel⸗ ler; ſie jagen, ſchießen, fahren, oder wenn ſie dieſe Beluſtigungen nicht wirk lich mitmachen können, ſo begnügen ſie ſich mit dem Schatten derſelben, und da ſieht man ſie im Jagdhabit rauchen, oder in den Miethſtällen herumſchlen dern oder aus dem Fenſter lehnen und mit einer Fahrpeitſche klatſchen. In Paris haben die müßigſten der oben beſchriebenen gay men einen gewiſſen Ge- ſchmak für Literatur. Sie leſen, ſie bewundern, verehren nicht ſelten den Ge nius des Tages, und bei keinem verſtreicht die Jugend, ohne daß doch ein Paar jener erhebenden, poetiſchen Gefühle rege geworden wären, welche im ſpätern Leben vor Gemeinheit bewahren. Aber deren, für welche die Litera- tur blos Gegenſtand der Unterhaltung iſt, ſind nur wenige, dünne geſäet ſind die müßigen, jovialen Verzehrer von drei-, vierhundert Franken monatlich. Die Mediziner, meiſt Söhne armer Eltern, laſſen es ſich für ihr Brodſtu⸗ dium ernſtlich ſauer werden, ſie ſind häufig faſt von allen Hilfsmitteln ent blößt, manche haben nicht mehr als ſechzig, fünfzig, vierzig Franken monat lich zu verzehren und müſſen für dieſe elende Summe wohnen, eſſen, Holz kaufen, ſich kleiden, ſo gut es geht; durch elende Koſt, ungeſunde Luft, ange⸗ ſtrengten Fleiß wird die Sterblichkeit unter dieſen armen jungen Leuten ſehr kedeutend. Die einzige Hilfe, der einzige Troſt in ihrem Elend kommt ihnen von der Griſette. Dieſes freundliche, ehrliche, oft nur zu gefällige Weſen, das in unſern geſelligen Verhältniſſen kein Gegenſtük hat, iſt der gute Genius des Studenten. Zwiſchen Griſette und Studenten bherrſcht eine Art von Fra ternität: häufig wohnen ſie unter einem Dache; iſt der Student krank, war tet ſie ihm ab, iſt ſeine Wäſche zerriſſen, was nicht ſelten vorkommt, beſſert ſie dieſelbe aus. Der Student ſeinerſeits iſt der Beſchüzer der Griſette, bie tet ihr Sonntags den Arm zu einem Gang in's Luxemburg und zahlt den Sou auf der Fußgängerbrüke. Gleich arm, gleich hilf- und ſchuzlos, führt ſie gemeinſchaftliches Bedürfniß zuſammen, und ſo bilden ſie naturgemäß ein eigenthümliches Glied der Geſellſchaft. Jenem ganzen Stadttheil in der Nach⸗ barſchaft des Luxemburg iſt der Charakter ſeiner jugendlichen Bevölkerung aufgeprägt. Sie fählen dies, ſie fühlen ſich hier auf ihrem eigenen Gebiet; ſie tragen den Kopf hoch und Müze oder Hut auf einem Ohr.

Der Jugend gehört die Zukunft wo iſt aber die Vergangenheit? Kommt mit, es iſt unſere lezte Wanderung; kommt mit zu jenem Haufen phantaſtiſcher Gräber, wo Liebe und Eitelkeit ſich elendiglich breit macht und einen Kranz künſtlicher Blumen, am Thore des Leichenakers für zwei Sous erkauft, über dem Grabe des angebeten Geliebten aufhängt. Hier liegt Abä⸗ lard und Heloiſe, der Mönch und ſeine Geliebte; wie viele Ideen, Sitten, Doktrinen, Wechſelfälle, Revolutionen knüpfen ſich in der Phantaſte an die ſes Oenkmal! Hier liegt Maſſena, der Feldherr des Kaiſers, dort Foy, der