Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
58
 
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zensfreund von Buhletinen und Varaſlten, überſättigt von Schwelgerei, be ſudelt mit dem Schmuze aller Höhlen des Laſters? Wer iſt der neue Polemon, an dem aber die Philoſophie ihr Zureden verſchwenden würde? wer iſt dieſer Bourgeois Bassompierre, dieſer Rentier Richelieu, der die Laſter einer ent ſchwundenen Zeit nachäfft, ohne den Geiſt, ihre Arroganz, ohne die Hochher⸗ zigkeit zu beſizen die ihr nicht fehlten? er möchte den Nous aus der Zeit der Regentſchaft ſpielen, wäre er nicht zu ſtumpf, den Hofmann Ludwigs XV., wäre er nicht zu gemein dazu. Es iſt dies der Typus einer jugendlichen Menſchenklaſſe, im gemeinen Leben Lions genannt, welche ihr Leben auf den Boulevards, im Bois de Boulogne, in den Spielhäuſern zubringt. Ihr Ge ſpräch beſteht in der Erzählung ihrer ekelhaften Aus ſchweifungen, ihre Ge meinheit, ihr ſchlechter Geſchmak, ihre prahleriſchen, liederlichen Manieren haben nicht einmal die Entſchuldigung der Mode für ſich, und ihr Herkommen lſt gewöhnlich ſo gemein als ihre Sitten. Unter den Elegants von Verſailles war doch noch Talent und Verſtand, und die Kraft, den Charakter, die ihnen bei Hof mangelten, fanden ſie auf dem Blutgerüſte.

g Doch wenden wir uns von dieſen hell beleuchteten Fenſtern, hinter denen Muſik rauſcht und Champagner fließt, dorthin zu dem düſtern Plaze, gelehr ten Angedenkens, den die Sorbonne beſchattet. Hier, dem elenden Hauſe gegenüber, wo Rouſſeau in den Armen ſeiner Thereſe von Heloiſen träumte, iſt eine kleine, aber reinliche Reſtauration. Ueber der Thüre ſteht Flicoteau und hier nimmt bei guter Tageszeit das gelehrte Frankreich ſein Mittags mal ein. Kommt hieher zwiſchen drei und vier Uhr und laßt euch an einem der kleinen Tiſche nieder, die meiſt ſchon beſezt ſind. Rechts ſizt ein bleicher junger Mann: das lange Haar, das ihm loſe über das Geſicht fällt, gibt dem Auge, aus dem, in Folge des Nachtwachens, ein myſtiſches Feuer blizt, etwas Wildes; ſeine Kleidung iſt ſauber aber abgetragen, die Aermel ſind zu kurz und die Beinkleider reichen nicht ganz hinunter, das verſchoſſene ſchwarze Hals tuch, das loſe einen ungeheuern Hemdkragen umgibt, läßt den magern Naken faſt ganz bloß. Zur linken iſt der Sohn des Süden, bleich und von dunkelm Teint; ſeine langen ſchwarzen, auf der Stirne geſcheitelten Loken fallen ihm auf die Schulter nieder, ein kleiner Schnurrbart ſchmükt ſeine Oberlippe, und dies gibt dem ſinnigen Geſichte einen antiken, apoſtoliſchen Anſtrich. Rings im Zimmer, ihr mageres Stük Fleiſch und Brod und die bleiche Waſſerflaſche vor ſich, ſizen junge Leute, welche ſich in einer Jugend voll Noth und Ent behrung auf ein bewegtes oder wiſſenſchaftliches Leben vorbereiten.

Ich habe die zwei auffallendſten Figuren an dieſem Ort, als Typen der ſogenannten jeune France, gezeichnet. Das Bild gilt natürlich nicht für Alle, auch ſind nicht alle Studenten ſo ernſt und fleißig, als ich mir die ge ſchilderten denke. Manche beſuchen die Rechtsſchule rein der Form wegen, wie Viele auf unſern Univerſitäten. Es ſind dies meiſtens junge Leute aus wohl⸗ habenden Familien, ſie haben vier- bis achthundert Franks monatlich zu ver zehren und können ſo ein müßiges, luſtiges Leben führen. An der Eke der Odeonſtraße iſt ein wegen der hübſchen Dame am Comtoir berühmtes Kaffe⸗ haus, wo ſie gewöhnlich frühſtüken und Morgens zwei, drei Stunden mit Eſſen, Zeitungleſen und Galanterie hinbringen. Abends gehen ſie hinüber über den Fluß, ſpeiſen im Palais ropal und beſuchen häuſig das Theater