Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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dem Monarchen ſteht. Auf den Straßen, den Spazirgängen, in den Thea tern herrſcht dieſer Stand, er lungert auf den Boulevards, lacht überlaut in den Variétés, erſcheint im gewöhnlichen Rok in der Oper, und theilt dem Ganzen ſein behagliches, ungenirtes Weſen mit, und Paris färbt ſich nach ſeinen Sitten, wie es ſie einſt nach den Sitten des Verſchwenders einerſeits, des eingezogenen Bürgers anderſeits gefärbt hatte, und dieſelben Urſachen, welche einen Theil der Geſellſchaft ernſter, haben den andern luſtiger gemacht. Wenige ſind arm, wenige ſind reich, ſehr viele jagen dem Vergnügen nach, und ſo iſt Alles auf dieſe Miſchung von beſchränkten Umſtänden und Hang zum ſinnlichen Genuß berechnet. Es gibt viele Orte, wo man ſo wohlfeil leben kann, als in Paris,

aber keinen, wo man für wenig ſo gutt lebt, als in Paris. Nicht die eigentlichen Lebensbedürfniſſe ſind wohlfeil, wohl aber das Ueberflüſ⸗ ſige. Monſieur Bontin, ein alter Junggefelle, deſſen ſparſame Haarreſte ſorgfaltig geordnet ſind, verzehrt ſeine Rente von ſechzig Napoleons jährlich lieber in Müßiggang, als daß er ſich durch Arbeit ſechsmal mehr erwirbt. Ihr meint, Monſieur Bontin ſei ein Mann, der in der Welt ein echter Philoſoph geworden, ein Muſter von unverdorbenem Geſchmak, ein Mann, dem es ganz einerlei iſt, ob er in der Neſtauration Geflügel ſpeiſt, oder in trübſeliger Einſamkeit ein Stük troken Brod kaut? Weit gefehlt! Monſieut Vontin ſpeiſt nicht bei Very, ſondern auf dem Plaz des petits pères, und der Unter ſchied iſt nur der: er bezahlt zweiundzwanzig Sous ſtatt acht Franken für ſeine Suppe, ſeine zwei Schüſſeln, ſeinen Wein und ſein Deſſert. Ihr ſagt, das Eſſen iſt ſchlecht, der Wein ſauer, das Deſſert mager; mag ſein, darum kümmert ſich unſer Mann nicht. Sein Eſſen beſteht aus eben ſo vielen S ſeln und ſieht ehen ſo aus, als wenn es ſechsmal koſtbarer wäre. Mehr braucht es nicht für ihn, damit iſt er vollkommen zufrieden. Es kommt ihn die Luſt an, durch ein Vad ſeine Lebensgeiſter zu ſtärken und ſich an der Vor ſtellung zu ergözen, er ſei doch noch zicht, was man ſo eigentlich alt heißt. Meint ihr, er verſage ſich dieſes Vergnügen, weil er arm iſt? Nein, er ver⸗ ſagt ſich, nur den Beſuch der Bains chinois, wo er drei Franken zahlen müßte, und geht in die Straße Montmartre, wo er für zehn Sous dieſelbe Quanti tät warmen Waſſers hat. Iſt er verliebter Natur? Schwerlich ſeufzt er im Foyer und hinter den Kouliſſen; er verſucht ſein Glük weder auf dem Ball des Bankiers, noch in der Konverſation mit der Herzogin; dagegen entflammt er das Herz der Lampiſtin gegenüber, oder bettet ſich in den gefälligen Armen der Franſenmacherin, deren luftige Wohnung zunächſt der ſeinigen liegt. Fin⸗ den ſich jene Widerſprüche in ſeinem Charakter, wodurch ſich unſere unſteten Urväter bemerklich machten*), iſt ihm die Ruhe ſeines Quartiers ſo verhaßt, wie der Gedanke, ſeine Beine zu brauchen kann er in dieſem Fall dieſer ſchlimmen Alternative etwa nicht entgehen, weil er kein Pferd, keinen Be dienten, kein Kabriolet hat? Gott bewahre! aber auch vom Miethkabriolet und dem Fiaker an der Eke will er nichts: dies wäre erſtens eine Mühe, und

55 Mira diversitate naturae, cum iidem homines sic ament inertiam et oderint quietem. 8 Tacitus, Germania.