Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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ſiunlichen Volk die Sitten der untern Klaſſen ſich unter die höhern verbrei ten, ſo dringen unter einer eiteln Nation die Sitten der höhern noch mehr zu den untern, und ſo hat denn die Art und Weiſe der alten Ariſtokratie auf das Weſen der Mittelklaſſen ungleich ſtärkern Einfluß geäußert, als die Sitten der Mittelklaſſen auf die der Ariſtokratie. Unter dem Veamten⸗ Handels- und Geldadel herrſcht jezt ein Luxus, zu dem früher dergleichen Leute wohl große Luſt haben mochten, den man aber ſelten bei ihnen ſah. Der Wohlſtand hat ſeinen alten ariſtokratiſchen Glanz eingebüßt, während er ſich aber äußerlich bürgerlicher machte, wurde er zugleich im Einzelnen raffi nirter.Zu meiner Zeit ſagte ein alter Edelmann zu mir,machten die Reichen mehr Aufwand, ſie hatten mehr Pferde, mehr Silbergeſchirr, mehr Dienerſchaft, aber das Tafelzeug war nicht ſo fein und ſauber, die Zimmer waren nicht ſo gut beleuchtet. Die Bürgerſchaft war übrigens ein völlig ge ſonderter Stand; ſie lebten ſpärlich und legtey Geld bei Seite, nicht als ob ſie ſelbſt hätten adelig werden wollen, ſondern in der Ausſicht, daß ihre Ur⸗ enkel es einmal werden könnten. Der Sohn eines Krämers verſchaffte ſich ein Amt, ſein Sohn wkeder ein höheres, und ſo gelangte die Fumilie allmälig vom Ladentiſch zur Magiſtratur und in's Parlament. Mit der Ausbreitung der Kenntniſſe und der Theilung des Vermoͤgens drangen Neigungen und Sitten tief nach unten, welche früher, verzerrt und übertrieben, auf einen engen Kreis beſchränkt geweſen, waren. Die Minderzahl hat den Hang bx!ur Verſchwendung abgelegt, die Mehrzahl hat Geſchmak an einem gewiſſen e bekommen. Es gibt weniger Leute, welche ihr Vermögen verſchleu⸗ n, es gibt weniger, welche ſparen. Hierin, wie in allem Anderniſt all⸗ gemeine Gleichförmigkeit der in die Augen ſpringende Charakter von Paris, im Jahr 1834. Die Pariſer ſind der großen Maſſe nach in Sitten, Manieren und Sprache ſämmtlich wie in einem Model gegoſſen. Die lezte Revolution ſcheint das Werk des Prokruſtes vollendet zu haben, und ſie zeigen ſich alle nach demſelben Maaß geſtrekt oder beſchnitten. 5* Der große Herr auf ſeinem Vataillenroß, bedekt mit Perlen ue d' in ei⸗ nem Kleid, das ihn 50,000 und mehr Livres koſtete, ward nach der erſten Re⸗ gierungszeit Ludwigs XIV. nicht mehr geſehen. Der Erzbiſchof mit ſeinem kirchlichen Pomp, der Hofmann mit der ſechsſpännigen Kutſche, der glänzen⸗ den Livree und dem Läufer verſchwand alsbald nach dan Jahr 1789. Der Neichsmarſchall mit ſeiner hochmüthigen Familiarität, ſeinen ſtolzirenden Roſ⸗ ſen und dem militäxiſchen Prunk ſagte Paris mit 1815 Lebewohl. Der alte Landedelmann, kerzengerade in ſeinem raſſelnden Fuhrwerk, ſtolz auf ſeinen langen Stammbaum, ſeine geſchriebene Rede, das Lächeln des Miniſters und den Weihrauh der Quotidienne, wird ſeit 1830 nicht mehr in den Straßen erblikt; aber ſiehe da dafür die faſt homogene Maſſe von achtzigtauſend Na⸗ tional garden und fünfzehntauſend Wählern: In dieſem Gemeinweſen ſtehen nebeneinander Zeitungsſchreiber, Generale, Bankiers, Barbiere, der reichſte Kapitaliſt und der ärmſte Patentträger; alle Klaſſen umfaßt eine ungeheure Mtttelklaſſe, eine Klaſſe, die nicht, wie der Mittelſtand in England, allein Geld zuſammenſcharrt und von Eltern ſtammt, welche auch nichts Anderes gethan haben, ſondern eine Mittelklaſſe von allen Stufen und Gewerben, die nicht zwiſchen der Gentry und dem Volk, ſondern zwiſchen dem Pöbel und