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eine Unſicherheit in allen übrigen Bewegungen des Körpers, und dieſe Wir⸗ kungen dauern oft noch fort, wenn ſie ſelbſt ſchon lange aufgehört bat. Daher kommt es vielleicht auch, daß die Handſchriften unſerer großen Schriftſteller gemeiniglich ſo unleſerlich ſind; und ſo wie die Dummheit ſelbſt die Fehler verdienſtvoller Männer nachahmt, ſo haben ſich mittelmäßige Köpfe beſtrebt, die dürftigen Gedanken ihrer ſchläfrigen Begeiſterung in nicht zu entziffernden Schriftzeichen auszudrüken. 4
Ein hoher Grad von Häßlichkeit iſt faſt immer ein Zeichen von Skla— derei, moraliſchen Leiden oder harter Arbeit. Es iſt gewiß, daß ein unthäti⸗ ges, behagliches Leben und Sorgloſigkeit der körperlichen Schönheit förderlich ſind; es liegt alſo mehr Wahrheit als man glaubt in dem Titel Edel mann, den man einſt jedem glüklichen Nichtsthuer beilegte.
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Es gibt vielleicht Niemanden, der nicht irgend einen Zug ſeiner Ph y⸗ ſiognomie, irgend einen Theil ſeines Körpers nach ſeiner Wahl und ſeinem Geſchmake verändert haben möchte. Man iſt niemals ſo vollkommen zufrieden mit ſeinem Geſicht, als mit ſeinem Geiſte. Wie ſelten muß körperliche Voll— kommenheit bei den jeztlebenden Völkern Europas anzutreffen ſein, da Thor⸗ waldſen zu ſeiner Venus dreißig verſchiedene Modelle haben mußte! Gleichwohl ſollte man meinen, daß die Demoraliſation der großen Städte, ſo wie beſon⸗ ders die wohlthätigen Folgen der Vaceine, dem Genie der Maler und Bild⸗ hauer ſehr zu Hilfe kommen müßten.
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Ein Menſch, der das Unglük hat zu ſchielen, ſollte in ſeinen Handlun— gen und Reden vorſichtiger als andere ſein; denn die menſchliche Vosheit iſt immer geneigt, von den unregelmäßig angelegten Zugängen einen analogen Schluß auf das ganze Gebäude zu machen.
Tiefe Falten zu beiden Seiten der Mundwinkel laſſen vorausſezen, daß man ein Spötter, oder ein von Natur luſtiger Menſch, oder den Launen eines boshaften Spötters ausgeſezt ſei. 1 e
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Das Lachen, nicht das Lächeln, iſt mehr ein Eharakter der Albernheit als des Verſtandes: geiſtvolle Menſchen ſind gemeiniglich ernſt. Die Gewöh— nung an große Gedanken macht faſt immer gleichgiltig gegen die unwichtigen
Dinge, welche Lachen erregen. *
Je tiefer bei einem Menſchen die Falten zwiſchen den Muskeln ſind, mit deſto mehr Urſache darf dieſer auf eine lange Lebensdauer und eine dauer— hafte Geſundheit hoffen. In der That ſpricht ſich durch die Energie der Mus⸗ keln ſtets eine glükliche Organiſation und Regelmäßigkeit der Funktionen aus. Daraus ergibt ſich, auf einem wie richtigen Prinzipe die Chiromantie beruht: wenn ſie gleichwohl oft nur auf Lügen hinausläuft, ſo rührt dies da⸗ her, daß man ſie etwas anderes ſagen läßt, als ſie wirklich ſagt.


