Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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Barrieren, wo der Pöbel ſeinen Sonntag feiert, ungerechnet. Jede Nacht befinden ſich zwanzigtauſend Menſchen in den Theatern; fünf öffentliche Bi⸗ bliotheken und hundert Leſekabinette ſind beſtändig voll, es gibt ungefähr eben ſo viele berühmte Tanzmeiſter als berühmte Lehrer der Mathemathik, und die Munizipalität gibt ein Viertheil mehr für ihre Feſte aus, als für ihren Gottesdienſt.

(Fortſezung folgt.

P by io gn omi e.

Der phyſiſche Schmerz, die Leiden, prägen oft der Phyſtognomie den Ausdruk eines großen Geiſtes auf. Ich habe eine mit der Krebskrankheit be bhaftete Frau aus der niedern Volksklaſſe geſehen, die hinſichtlich des tiefen Ausdruks ihrer Phyſtognomie vollkommen der Frau von Stael glich. Das näm⸗ liche gilt auch von ganz verſchiedenen Leidenſchaften, von heftigem Kummer, übermäßigen Geiſtesanſtrengungen und dem Uebermaße in Genüſſen: Alles, was das Gemüth heftig bewegt, Alles, was unſere Empfindlichkeit erſchüttert, äußert auch faſt ähnliche Wirkungen auf das Geſicht.

Ein großer Kopf deutet auf lebhafte Einbildungskraft, auf ungewöhn⸗ liche Langſamkeit des Oenkens, ſchnell auflodernden Enthuſlasmus, einen ſtar⸗ ken Willeu, und oft auf Genie. Dabei verräth eine ſchmale Stirn Lebendig⸗ keit, eine runde Zorn.

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Jedem Menſchen fällt es ſchwer, ſich eine richtige Vorſtellung von ſeinen eigenen Geſichtszügen zu machen; ſelbſt den Frauen gelingt dies nur mit Mühe. Die Urſache iſt die, daß wir die Bewegungen der Augen nicht ſehen, welche die Grundzüge der Phyſiognomien ausmachen.

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Es läßt ſich bis zu einem gewiſſen Punkte von dem Style und dem Zu⸗ ſchnitte der Perioden einer Perſon auf ihre Reſpiration ſchließen. Gewiß in⸗ terpunktirte J. J. Rouſſeau anders als Voltaire, Boſſuet anders als Fenelon. Wenn ich behaupte, man könne vermittelſt des Styles jemandes Reſpiration beurtheilen, ſo heißt dies auch ſo viel, als, man könne auf ſeine Leiden⸗ ſchaften und Gemüthsbewegungen einen Schluß machen; denn lebhafte Gedan⸗ ken ſezen das Herz in eine raſche Bewegung, und das ſchnelle Herzklopfen be⸗ ſchleunigt die Reſpiration und macht die Stimme zitternd. Daher die Gewalt, welche eine bewegte Stimme ſtets über uns ausübt: ſie erwekt die Aufmerk⸗ ſamkeit; ſie iſt das Zeichen eines begeiſterten oder ſchüchternen, oder gewiſſen⸗ haften Redners. Kalte Redner und mittelmäßige Schauſpieler ahmen dieſe wahre, aus dem Herzen kommende Regung vermittelſt einer oſeillatoriſchen Be⸗ wegung der Arme nach. 3

Dieſelbe Gemüthsbewegung, welche die Reſpiration beſchleunigt, das Her; klopfen, die Stimme zittern macht, erzeugt auch ein Schwanken und