Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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Adel hat die feine Politur ſeiner alten Sitten abgelegt, es gibt keine Lehr meiſter der Höflichkeit mehr und keine jungen Frauenzimmer, welche mit Kom plimenten handeln. Unter einer ernſten Regierung ſind die Pariſer nicht mehr ſo leichtſinnig als vordem: die Eitelkeit, die einſt auf Toilette und Konver ſationszimmer verwieſen war, hat einen höhern Flug genommen, und macht ſich breit auf dem Marsfeld oder bricht ſich Bahn in die Kammer. Die Lei⸗ denſchaften ſind die alten, aber eine neue Maſchine gibt ihnen eine andere Form und ſchafft ein anderes Gebilde aus dem alten Material. Wir ha⸗ ben es vor Augen, welche Veränderungen andere Geſeze, andere Ideen be⸗ wirken, und der Volksgeiſt, der dem Volkscharakter einen höhern Schwung gegeben, hat auch die Miethkutſche belekt, hat die Straßen erweitert und zweihundert Unterthanen Sr. Majeſtät des Jahrs das Leben erhalten). Wir ſehen, wie Vieles ſich mit neuen Geſezen, neuen Ideen geändert hat, wir ſehen aber auch, wie Vieles neue Geſeze und Ideen unverändert gelaſſen ha ben. Der Trieb, einander zu überbieten, die Sucht zu gefallen, die Liebe zum Puz, der ſchnelle Uebergang von einer Leidenſchaft zur andern, der amour propre, der Wankelmuth der Pariſer, alles dies iſt noch wie unter dem grand monarque, und auch der ſittliche Zuſtand der Geſellſchaft erinnert immer noch an Montesquieu's Wort:que le Franęais ne parle jamais de sa femme, parce qu'il a peur d'en parler devant des gens qui la connaissent mieux que lui. Ich habe geſagt, der Pariſer ſei noch ſo ziemlich ſo wankelmüthig wie vordem. Unter der alten Hierarchie der Stände und Gewerbe konnte er in nicht viel mehr als in ſeinen Vergnügungen beweglich und unſtät ſein. Die Bahn, die er bis zum Grabe zu wandeln hatte, war ihm an der Wiege vor gezeichnet, und wer als Bedienter geboren war, konnte höchſtens hoffen, als Kellermeiſter zu ſterben. Das Leben des Pariſers iſt umgewandelt; dies zeigt ſchon ein Blik auf die Stadt. Ein neuer Geiſt, der Geiſt des Handels, des Erwerbs, der Arbeit hat Stadt und Bürger zu andern gemacht; die Börſe iſt das Monument der Jeztzeit, ſelbſt Feuerwerk und Tanz ſind aus ihren alten Territorien ausgetrieben, und Beaujon und Tivoli ſind Baupläze ge worden. Aber das Geſchäftsleben[dieſes flüchtigen, leichtherzigen Volks zeigt ganz denſelben Charakter wie ſeine Luſt, und unter den Urſachen der ängſtlichen Klemme im Jahr 1850 ſtand obenan die Unbeſonnenheit, womit der Kapitaliſt ſich hier in ein Geſchäft einließ, von dem er gar nichts ver ſtand, dort plözlich, völlig unbedacht, ſein Kapital von einem Induſtriezweig auf den andern warf, während er nichts abwarten konnte, die Folgen gar nicht berechnen und beſtändig von der unerſprießlichen Sucht nach Wechſel und Veränderung geplagt wurde. Du reste kann Paris noch jezt für ein großes Hotet gelten. Es gibt achthundert Kaffehäuſer, tauſend Reſtaurationen, wo man in von Gold, Malereien und Glas ſtrahlenden Räumen auf Silber be dient wird und der Gargon mit ſeinem: que demandez-vous, Monsieur? eine Speiſekarte mit zweihundert und mehr Artikeln überreicht. Es gibt hundert zweiundneunzig öffentliche Vergnügungsorte, die unzähligen Schenken vor den

) Zweibundert Menſchen wurden vor der Revolution im Durchſchnitt jähr lich überfahren; dieſe Beluſtigung war in den lezten Tagen des ancien régime ſtark in der Mode.