Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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der, ohne Spiegel kann der Franzoſe nicht leben. Die Mode iſt der wahre Dämon der Nation, ein Geſchlecht iſt ſo eitel und ſo genußſüchtig wie das andere, und wenn die Weiber keinen Schritt thun ohne einen Spiegel, ſo ſieht man auch die Männer auf offener Straße ihre Perrüken kämmen und in Ordnung bringen. Kein Volk iſt ſo herriſch und ſo kek wie dieſe Pariſer; ſie machen ſich ſogar mit ihrem Leichtfinn breit und ſagen, ſie allein in der Welt können ihr Wort mit Ehren brechen. Wenn man ſich vergeblich nach Be ſcheidenheit und Weisheit umſieht, ſo findet man deſto mehr Galanterie und Höflichkeit. Betritt man einen Kaufladen, ſo werden einem tauſenderlei Din⸗ ge aufgeſchwazt, von denen man ſich nichts träumen ließ, bevor man zum Ar tikel kommt, den man braucht. Höchſt einnehmend ſind die Manieren der höhern Stände; es gibt hier förmliche Lehrmeiſter in der Höflichkeit, und eines Tags wollte ein hübſches Mädchen mir Komplimente zu kaufen geben. Kleine Hunde ſind die Liebhaberei der Damen, ſie gebieten ihren Männern und gehorchen Niemanden; ſie kleiden ſich ſehr graziös, man ſieht ſie zu allen Stunden, und Konverſation iſt ihre Leidenſchaft. In den Faſten geht das Volk Morgens in die Predigt, Abends in die Komödie, mit gleichem Eifer, gleicher Inbrunſt. Die jungen Leute trifft man immer im Ballhaus, die alten bringen ihre Zeit mit Karten- und Würfelſpiel oder mit Schwazen der Tagesneuigkeiten zu. Die Tuilerien ſind der gewöhnliche Sammelplaz der Müßigen und Aller, welche ſich ohne viele Umſtände beluſtigen wollen. Chokolade, Thee und Kaffe ſind ſtark im Brauch; aber lezterem gibt man den Vorzug und er gilt für ein Mittel zu Stärkung der Lebensgeiſter. Ein Frauenzimmer erhielt die Nach⸗ richt, ihr Mann ſei in der Schlacht umgekommen.Ich Unglükſelige! rief ſie aus,ſchnell eine Taſſe Kaffe! Die Damen reiten beim Ausgehen ſtets auf Maulthieren, die Herren gehen in ſchweren hohen Stiefeln durch den Koth. Die Miethkutſchen ſind alt, ſchäbig, mit Koth bedekt; die Pferde ha ben kein Fleiſch auf den Knochen, die Kutſcher ſind grob, und haben ſo rauhe, furchtbare Stimmen, und ihr Peitſchengeknall vermehrt den Lärm ſo ſchreklich, daß das raſſelnde Fuhrwerk ſich nicht ſobald in Bewegung ſezt, als man meint, alle Furien ſeien losgelaſſen, um Paris mit hölliſchen Tönen zu erfüllen.

So war Paris vor hundert Jahren; und nun denke man, welch mächtige Umwälzungen ſeitdem vorgegangen ſind; man bedenke, daß wir ſeitdem Law, Voltaire, Rouſſeau, die Orgien und den Bankerutt der Regentſchaft, die Regierung Ludwigs XV., die Kriege und die Schreken der Republik und des Kaiſerreichs, den langen Kampf unter der Reſtauration erlebt haben z man bedenke, daß ſeitdem die Lehre von der Freiheit und Gleichheit, das Licht erblikt hat. Man bedenke dies Alles, und ſage, wenn man die obige Skizze lieſt, ob Vergangenheit und Gegenwart nicht die größte Aehnlichkeit mit einander haben? ob nicht, wenn man Paris unter Louis Philippe betrachtet, die Hauptzüge des Gemäldes dieſelben ſind wie unter

Ludwig XIV 2

Allerdings hat ſich Paris verändert: die Damen reiten nicht mehr auf Maulthieren und die Herren ordnen ihre Friſur nicht mehr auf der Straße; die Kaufleute haben von ihrer ungemeinen Artigkeit etwas eingebüßt, der