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beſtimmten Otte einfinden und ſie aus der Gewalt des Marquis befreien ſolle. Der Unglükliche ging in die Falle, denn er fand ſtatt der Geliebten drei Banditen, die ihn ermordeten und in das Geſträuch warfen, wo ihn die eigene Tochter des Marquis fand. An; demſelben Tage verſchwand auch das junge Mädchen auf eine geheimnißvolle Weiſe aus dem Hauſe, wo ſie der Marquis in Verwahrung hielt.
Nach der Abreiſe des Marquis fiel einige Tage lang nichts Vemerkens— werthes vor; nur ſchien ſich das Gerücht von den Seufzern in der Kapelle ver— wirklichen zu wollen, denn ſie wurden nicht mehr nur zuweilen und von eini— gen Perſonen vernommen, ſondern Jedermann konnte ſie hören, der nur im— mer an der Kapelle, zu welcher Stunde des Tages es auch ſein mochte, vorü— berging. Die Bewohner des Dorfes geriethen hierüber ſo ſehr in Aufruhr, daß ſie beſchloſſen, das Innere der Kapelle zu durchſuchen; die Thüren wurden geöffnet, und die Eintretenden durch die klagenden Töne nach der unter dem Gebäude befindlichen Gruft geleitet. Man' drang in dieſelbe ein, und fand bier das junge, ſo ſchnell verſchwundene Mädchen in dem bejammernswertheſten Zuſtande, und nahe daran Hungers zu ſterben.
Als man die Unglükliche durch ſtärkende Mittel wieder zu ſich ſelbſt ge— bracht hatte, erfuhr man von ihr, daß ſie ſchon ſeit acht Tagen in dieſem kal— ten Gewölbe ohne andere Nahrung als ein Stük Brod und einem Kruge Waſ— ſer eingeſperrt ſei. Zuerſt habe man ſie in eine noch tiefere Gruft neben den Sarg gebracht, in dem ihr ermordeter Geliebter lag, und wo ihre Stimme von keinem menſchlichen Weſen vernommen werden konnte; allein die Verzwei— flung habe ihr Kräfte gegeben, die Thüre ſei ihren wiederholten Anſtrengun— gen gewichen und ſie ſo in die obern Gewölbe gedrungen, wo ſie doch Hoffnung gehabt hätte, daß man ihre klagende Stimme hören und ſie dem grauſamen Schikſal entreißen werde, dem fie faſt erlegen ſei. Was die Schändlichkeit die— ſes grauſamen Verbrechens noch vermehrte, war die kaltblütige Bosheit des Marquis, der zu dem armen Schlachtopfer, als er es an dieſen Ort des Grauens führte, ſagte, es ſei noch nicht entſchieden, ob er ſie hier ſterben laſſen werde, rathe ihr aber doch, ſich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen. Käme er, fügte er noch hinzu, nach drei Tagen nicht wieder, ſo möge ihr dies als Beweis dienen, daß ſie ſterben müſſe. Das arme Mädchen wurde wie— der hergeſtellt, allein ihr Zeugniß vermochte nichts gegen den Reichthum, den Einfluß und die mächtigen Fürſprecher ihres niederträchtigen Peinigers.
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Der Observer, ein engliſches Journal, kündigt den Tod eines unendlich reichen Mannes an, deſſen Vater indeſſen nur ein kleiner Butterhändler war. Dieſer Mann, Namens Charles Flower, hatte wie ſein Vater mit Butter, Spek und andern Viktualien gehandelt, und jebe Konkurrenz in dieſen Arti— keln überflügelt; er ſtarb an einer Indigeſtion in ſeinem Hauſe zu Ruſſel⸗ Square. Vielleicht haben wenig Leute ihre Gäſte ſo gut bewirthet wie er; er hatte zulezt die höchſten Perſonen an ſeiner Tafel verſammelt. Das hatte er ſo angefangen, er lud den Viſchof von London ein, ſich mit dem Erzbiſchoſe


