Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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Sie glaubte jezt, die Alte habe ſie hintergangen, der Offizier, ihr Geliebter, ſei ermordet, und ſo brachte ſie die ganze Nacht in einem mitleidswerthen Zu ſtande hin.

Die Alte hatte indeß doch wahr geſprochen; der Offizier befand ſich wirk lich in ihrer Hütte, und kaum hörte dieſer von dem vorgefallenen Morde, ſo glaubte auch er, er habe ſeinem Gegner, noch ehe dieſer ihn verwundete, einen tödtlichen Stoß beigebracht. Der Marquis ſeinerſeits ließ nun ernſtliche Nach forſchungen anſtellen, allein man konnte nicht nur keine Spur von dem Mör der entdeken, ſondern es ließ ſich ſogar nicht einmal ausmitteln, wer der Er⸗ mordete, den man im Gebüſche gefunden hatte, eigentlich ſei. Die ganze Nach barſchaft trug ſich mit tauſend Vermuthungen und Gerüchten, die dem Mar quis ſo unangenehm waren, daß er ſeiner Familie nur wenige Stunden zu den nöthigen Vorbereitungen vergönnte, und dann eilig das Schloß verließ, um ſeinen Aufenthalt in einem andern Theile der Inſel zu nehmen. 5

Unter anderen Gerüchten, mit denen die leichtgläubigen Vauern ſich trugen, war auch jenes, daß man den Schatten des Unglüklichen in der Ka pelle ſeufzen höre, wo man ſeinen Leichnam beigeſezt hatte; nun war aber dieſe Kapelle, die dem Marquis gehörte, ſtets verſchloſſen, nur er hatte den Schlüſſel dazu, und die Thüren wurden nur während der Dauer des Gottes dienſtes an hohen Kirchenfeſten geöffnet.

Ohne die Wahrheit dieſer Gerüchte näher zu unterſuchen, müſſen wir hier einen Rükſchritt in der Geſchichte machen, und bemerken, daß der Mar quis von An, kurz vor jenem Morde, ein junges ſehr ſchönes Mädchen, von niedriger Herkunft, gewaltſam entführt und den Händen vertrauter Leute übergeben hatte, die in dem unweit des Schloſſes gelegenen Dörfchen wohnten. Seine Gemahlin lebte noch, um alſo jedes Aergerniß zu vermeiden, beſuchte er das Mädchen nur bei Nacht. Man wird jezt leicht begreifen, daß jenes Geſpenſt niemand anders als der Marquis ſelbſt war, da er die Leichtgläubig⸗ keit des gemeinen Volkes in Sizilien kannte, jene ſeltſame Verkleidung wählte, um ſeine nächtlichen Gänge vor den Augen ſeiner Unterthanen zu verbergen. Bei einem dieſer Ausflüge nun war es, wo der Offizier ihm begegnete, in welchem er einen Feind zu ſehen glaubte, der ihm auflaure, um ihn zu er morden. Nach jenem Kampfe gelang es dem jungen Offizier, ſeiner Wunde ungeachtet, den Ort glüklich zu erreichen, wo ſein Bedienter auf ihn wartete und ihn in das Dorf führte. Da nun der Marquis ſein Opfer nicht fand, mithin weder erfuhr mit wem er zu thun gehabt habe, noch auch wußte auf wen er ſeinen Verdacht richten ſollte, ſo glaubte er, ſein Gegner ſei kein an derer geweſen, als ein junger Menſch, mit dem das von ihm entführte Mäd chen verſprochen war, ehe es noch in ſeine Gewalt fiel. Kaum hatte er dieſen Gedanken gefaßt, ſo fühlte er ſich auch ſchon feſt überzeugt, daß ſein Neben⸗ buhler, von dem er wußte, daß das Mädchen noch immer eben ſo herzlich an ihm hänge, als ſie ihn ſelbſt verabſcheue, mit der Geliebten verabredet habe, ihn zu ermorden, und eiferſüchtig und rachgierig wie er war, beſchloß er, ſich an den beiden Unſchuldigen, die ſeinen Verdacht rege gemacht hatten, zu rächen.

Am Morgen nach dem Kampfe mit dem Offizier erhielt der erwähnte junge Menſch einen Brief mit dem Namen ſeiner entführten Geliebten unter zeichnet, in welchem ſie ihm ſchrieb, daß er ſich Nachts um ein Uhr an einem