Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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Zur nämlichen Stunde, wie Tags zuvor, ſtand ſie auf dem Balkon, allein bald ließ ſich auch die weiße Geſtalt wieder ſehen. Des neuen Schrekens ungeachtet wollte ſie doch ihrem Geliebten nicht abermals Kummer verurſachen, und da ſie ſich zudem daran erinnerte, daß ihr doch in ihrem Zimmer nichts geſchehen könne, ſo blieb ſie ſtehen; das Phantom verſchwand, langſamen und feierlichen Schrittes, bald in der Finſterniß. Lange noch wartete Laura voll Ungeduld auf das Erſcheinen des Geliebten, und die Uhr des benachbarten Kirchthurms ſchlug zwei, als ſie ſich endlich ermüdet und beunruhigt in ihr Zimmer zurükzog.

Der junge Offizier hatte während deſſen die Mauer des Parks überſtie gen, und war voll Hoffnung und Liebe dem Orte zugeeilt, wo er die Geliebte ſinden ſollte. Schon ſchimmerte ihm durch das Gebüſch eine Eke des Schloſſes entgegen, als er plözlich das Geräuſch von Tritten hörte, und die weiße Ge ſtalt, die wir bereits kennen, gerade auf ſich zukommen ſah. Ueberraſcht griff er nach ſeinem Degen, das Geſpenſt that ein Gleiches, und nun entſpann ſich ein wüthender Kampf, der ſich ſo ſehr zum Nachtheile des ſterblichen Rit ters endigte, daß dieſer bald zu den Füßen ſeines Gegners niederſank; der ſiegreiche Geiſt aber ſezte ſeinen Weg fort, der durch dieſen Zuſammenſtoß unterbrochen worden war.

Das Klirren der Degen ſo nahe am Schloſſe war indeß dem Marquis nicht entgangen, der ſogleich ſeine Leute zuſammenrief, ihnen befahl den Park zu durchſuchen, und jeden, den ſie dort finden würden, feſtzunehmen. Die Bedienten durchſuchten jeden Winkel, aber vergebens, denn von dem, was vor gegangen war, ließ ſich auch nicht die geringſte Spur entdeken.

Der Marquis ſchien mit dem Erfolge der Nachſuchungen höchſt unzufrie den, begnügte ſich jedoch mit der Aeußecung, er müſſe ſich geirrt haben. Seine Tochter argwohnte indeß die Wahrheit, und glaubte feſt, der Offizier und das ſchrekliche Geſpenſt müſſen einander begegnet ſein. Unruhig wie ſie war, beſchloß ſie, ſobald als möglich die bereits erwähnte alte Frau zu beſuchen, weil ſie von dieſer Aufklärung zu erhalten hoffte. Von einer Dienerin be gleitet, hatte ſie ſchon das Ende des Parkes erreicht, als ſie ihren Schoßhund heftig bellen hörte. Vergebens rief ſie ihm mehrere Male zu, und eilte end lich hin, um ihn von dem Gegenſtande, der ihn in Zorn oder Furcht verſezte, zu entfernen, blieb aber ſelbſt vor Schrek in den Boden gewurzelt ſtehen, als ſie im Geſträuche einen mit Blut bedekten Leichnam ſah. In der erſten Verwirrung glaubte ſie, es ſei der Körper ihres Geliebten und ſank ohnmächtig nieder, das Geſchrei der Dienerin lokte eine Menge Menſchen nach dem Un glüksorte, und unter dieſen auch die alte Bäuerin, der Laura einen Beſuch zugedacht hatte. Die Ohnmächtige kam endlich zu ſich, und erfuhr zu ihrem großen Troſte von der Alten, daß der Geliebte in ihrer Hütte verborgen ſei, und nur eine unbedeutende Wunde erhalten habe. Laura gerieth nun natür⸗ lich auf die Vermuthung, daß der Leichnam kein anderer als der jenes Ge ſpenſtes ſein könne, das ihr ſo großen Schreken eingejagt hatte. Sehr trau rig kehrte ſie jezt nach dem Schloſſe zurük; Unruhe und heftige Gemüthsbe wegung raubten ihr den Schlaf, und ſie wurde endlich von einem Fieber befallen. Um friſche Luft zu ſchöpfen, öffnete ſie jezt das Fenſter, allein wie groß war ihr Schreken, als ſie das abſcheuliche Geſpenſt abermals erblikte.