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Morgen⸗ und Abend Serenaben in Venedig. (Aus dem Echo.) 8
Schon an einem anderen Orte ſprach ich mich über das beſonders muſika⸗ liſche Talent der Italiener, was ſich bis in die niederſten Volksklaſſen er⸗ ſtrekt, ausführlicher aus, und bemerkte, daß die Italiener den Sang und Klang lieben, daß Straße und Flur von früh Morgens bis ſpät Abends von Sängern und Leyermännern wiederhallen, und noch ſpät um Mitternacht, wenn ſchon Alles ſtille und ruhig iſt, aus den fernen Meilen der Stadt Cho⸗ rale herumſchwärmender Sänger ertönen.. K MN 5
In Venedig gehören ſolche Serenaden, von einer ſich an den Ufern der Kanäle oder des Meeres ſammelnden Sängertruppe zum Veſten gegeben, eben— falls zu den täglichen und auch beliebteſten Erſcheinungen. Ja, die Nationa⸗ lität des Venezianers bringt dieſen vorzüglichen Sinn für Abend- und Mor⸗ gengeſänge mit ſich, und dieſer Gebrauch ſchreibt ſich aus den früheſten Zeiten. Als Torquato Taſſo ſein befreites Jeruſalem gedichtet und der Oeffentlichkeit übergeben hatte, wiederhallte die Stadt bei Tag und Nacht von den annehm⸗ lichſten Stanzen dieſer ſchönen Dichtung, die von den ſogenannten Volksmuſi⸗ kern mit der größten Schnelligkeit in die Nationalmuſik geſezt wurden. Dann ſammelten ſich Abends an den Ufern des ſtillen Meeres Tauſende von Spa⸗ zirgängern und horchten den wunderſamen Liedern aus der Vorwelt mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit. Gewöhnlich begann ein Gondolier aus der Ferne eine Strophe dieſes beliebten Geſanges, ein anderer antwortete ihm mit einer zweiten Strophe, und in kurzem fanden ſich die Sänger in harmoniſcher Ue⸗ bereinſtimmung zuſammen, und gaben in der Mitte der See, das unterhal⸗ tendſte Konzert, von dem ſchallenden Vravorufe und Beifallklatſchen der ent⸗ zükten Zuhörer begleitet.— Selbſt in der neueſten Zeit ſind dieſe Geſangs⸗ weiſen noch im Munde des Volkes,— ich ſchlich manchmal während der Zeit meines Aufenthaltes in Venedig durch die dunklen Gaſſen der Stadt zum Ha⸗ ſen hin um mich in den ſeltſamen Liedertönen der Gondoliers zu ergözen, und ſie erwekten in meiner Bruſt zuweilen die ſüßeſten Erinnerungen an vergan⸗ gene Tage und an vergangenes Glük. un
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Zwei Engländer treten eines Tages in ein Kaffeehaus in Paris, wo ſie einen Mann von hoher Geſtalt und origineller Haltung ſizen ſahen, der ein Ausländer zu ſein ſchien, und der mit dem Ernſte einer unerſchütterlichen Geduld alles beobachtete, was um ihn her vorging. Der eine von den Eng⸗ ländern ſagt zu ſelnem Freunde, daß es heiße, daß ein merkwürdiger Zwerg angekommen und zu ſehen ſei, worauf jene ernſte Perſon den Mund öffnete und ſprach:„Ich komme an, du kömmſt an, er kömmt an, wir kommen an, ihr kommet an, ſie kommen an.““ Der Engländer, deſſen Bemerkung dieſe miſteriöſen Worte erzeugt zu haben ſchien, ging zum Fremden und fragte ihn
höflich: Sprechen Sie mit mir, mein Herr?— Ich ſpreche, erwiderte das
ſonderbare Individuum auf engliſch, du ſprichſt, er ſpricht, wir ſprechen, ihr
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