Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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im Auftrage ſeines Vaters und Prinzipals im verlaufenen Jahre unternom men und deren Schilderung an Lebendigkeit der Farbe und plaſtiſchen Inte⸗ reſſe der Darſtellung dem Seegemählde nichts nachgab. Wir mußten den einen, wie den andern lieb gewinnen, theils durch ihre kleinen Abenteuer, theils durch das Charakteriſtiſche, mit welchem Veide in ihren Lebensbildern bald als handelnde, bald als leidende Perſonen auftraten, und damit bewirkten, daß die Zuhörer,(ſich dem Erzähler, der das Alles ſelbſt erlebt hatte, gegenüber befindend) auch Alles, was ſie hörten, gleichſam miterlebten und mitlitten und ſich mit ihm freuten, da am Ende Alles ſo glüklich ablief.

Die Reihe war an mich gekommen. Kaum aber hatte ich das Wort ge nommen, und eben damit beginnen wollen, der Geſellſchaft zu erklären, was ſie aus dem gleich anzuführenden Grunde nicht mehr zu hören bekam, als un ſer angenehmer Hauswirth mit einem Mal die Klingel ergriff und mit dem Ausruf:Meine Herren! es geht auf zwölf mit aller Macht Sturm lautend, den Vunſch zu bringen befahl.

Die Gläſer wurden vollgeſchenkt. Es dampfte rund um den Tiſch. Je- der hatte die Hand an's Glas gelegt, wartend auf den Glokenſchlag, das neue Jahr zu bewillkommnen. Der Zeiger hatte noch drei Minuten zu durch⸗ laufen. Es herrſchte eine feierliche Stille. Jeder blikte ſtill vor ſich hin. Man hörte die Taſchenuhren piken. Dieſe kleine Spanne Zeit konnte koſtbare Au genblike enthalten. In dieſem Moment drängten ſich vielleicht Gedanken, der Ewigkeit werth: umfaſſend, erhebend, beleuchtend das Innerſte des Herzens; lüftend das Allerheiligſte des Geiſtes; Fittige der Unſterblichkeit. Eine Sekunde lang erfüllte vielleicht ein göttlicher Strahl die Nacht der Bruſt

Die Uhr hob aus. Der erſte Schlag erſcholl.

Wir erhoben uns, wie ein Mann. Hoch die Gläſer, die Bruſt bewegt, das Auge blizt von einem heiligen Feuer, die Wange flammt

Ich hatte das Wort. Ergriſſen von dem feierlichen Augenblik nahm ich es im Namen Aller, im Namen der Welt! l

Der lezte Schlag verklang auszitternd.

Lebewohl! ſcheidendes Sei uns willkommen werdendes Jahr! Dir, fliehendes! danken wir; dich, kommendes! grüßen wir, mit Lippe und Seele, mit unſeren Herzen! Sei bedankt, Geberin! die nicht mehr iſt. Sei uns willkommen, Bringerin! deſſen, was ſein wird, für all' eure Freuden und Schmerzen! Holdes Kind! neugeborne Königin der unbekann ten Zukunft! mach' uns beſſer, als wir ſind, wenn auch nicht glüklicher! Wachſende Mutter! nimm uns zu eigen, zu deinen Kindern! führ' uns zum Ziele, zu welchem es ſei. Iſt es das Ziel, das wir hier erſtreben, ſo wol len wir leben! legſt du uns aber die Binde auf's Auge, betteſt uns Staub bei Staube, ſo ſind wir's auch zu frieden, weil wir mäſſen. Die kom⸗ mende Zeit auch bat ein Ziel, ein ſchöneres, höheres! Freude mit denen, die mit uns wandelten! Freude mit denen, die mit uns athmen! Gruß und Kuß dem kommenden Jahr! Hoch! das neue Jahr! 5

Wir ſtanden und kein Laut regte ſich. Hier und da rollte ein Ding, wie Jedenfalls waren manche Augen feucht, die Herzen waren erſchüttert. Wir leerten die Punſchgläſer.. f

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