Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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ſelbſt ein Phänemen, weil er ſeinen Unwerth erkennt und dennoch liebt. Habeat sibi! a

Nicht viel beſſer, aber etwas unſchuldiger,(wenn es im Nichtsthun einen Unſchuldsgrad geben kann) brachte der junge Herr, der nun das Wort nahm, nach ſeinem eigenen Geſtändniß ſeine Zeit hin. Morgenländiſcher Ab kunft ließ er gleich Anderen ſein Licht leuchten in der Finſterniß, d. h. er verlegte ſich auf Handel, Wandel und ſchöne Literatur. Mit dem Handel hatte es ſeine eigene Bewandtniß. Er war bei ſeinemHerrn Vater auf dem Komptor, und ſollte da Buch führen und arbeiten. Indeß beſchäf tigten ihn Komiſſtonsgeſchäfte viel außer dem Hauſe. Dies ſein Wandel. Er gab uns nicht genau die Wege an, die er ging. Die ſchöne Literatur aber, die er kultivirte, beſchränkte ſich auf die Verfertigung(ich ſage vorſäzlich: Verfertigung) von Sonnetten an ſeine unbekannte Geliebte. Er hatte ſich Petrarch ſehr zu Gemüthe geführt, und vergoß, wie er uns verſicherte, bei der Leſung jedes ſeiner Sonnette heiße Thränen; denn er war ganz Gefühl, der morgenländiſche Jüngling! er zerſchmolz in breiweicher Erhabenheit; in einer grandioſen Schwelgerei ſüßlicher Empfindungen ſchien er ſich auflöſen zu wollen, der Gute! Wir hatten übergenug an ſeiner Mittheilung..

Nun öffnete ein etwas grämlich ausſehender junger Gelehrter(er war Supplent an einer öffentlichen Lehranſtalt) den faltenreichen Mund und ſprach al ſo:

Wohledle Herren! Was mich betrifft, ſo dürfen Sie immerhin a daß ſothaner Punſch, mit welchem ich heute zur Feier des Jahreswechſels, und Ihrer, mir allerſeits ſehr werthen Geſellſchaft zu Liebe, meinen Leichnam zu begießen mich verwogen habe, meine erſte und vermuthlich auch meine lezte Ausſchweifung in dieſem Jahre ausmachen dürfte; wasmaaßen ich außer mei ner Studierſtube; meinen Kollegiis; meinem Mittagstiſch zum Repphuhn, wo man lauter halbe Portionen bekommt; einigen Spazirgängen auf dem Lande, von woher ich ſtets todtenmüde, voll Staub, Hunger und Durſt, elendiglich nach der Stadt zurükſchleiche, weiter gar keine anderweite Beſchäftigung oder Zerſtreuung kenne. Werden alſo höflichſt gebeten, kein Weiteres von mir zu verhoffen, und ſich mit ſothaner kurzer Andeutung geneigteſt begnügen.

Welches wir denn auch nicht anders verlangen konnten.

Nun kam die Reihe an einen jungen Marineoffizier, der erſt vor Kur zem von ſeiner erſten Seefahrt,(einer Reiſe nach Griechenland) zurükgekommen, und Familienangelegenheiten wegen auf einige Zeit mit Urlaub in Wien war. Der junge Seemann beſaß die Gabe, die oft Tauſenden in Schrift und münd⸗ lichem Vortrage gebricht, auf eine ſehr anſchauliche und angemeſſene Weile, ein Bild des Seelebens zu entwerfen, das von demjenigen, was wir von Andern gewöhnlich über ſolche fremdartige Gegenſtände zu hören bekommen, auffallend verſchieden, in ſich ſelbſt den Stempel der Wahrheit zu tragen ſchien, und ganz geeignet war, uns mit dem Angenehmen und Schauerlichen, Anziehenden und Abſtoßenden, Vergnüglichen und Gefährlichen dieſer zwitterhaften Lebens⸗ weiſe bekannt zu machen.

Ihm hielt mit großer Beſcheidenheit das Gleichgewicht ein junger Kauf⸗ mann, der hierauf ſein Schärflein zu unſerer Unterhaltung beitrug und uns die maleriſche Veſchreibung einer Reiſe durch Holland zum Beſten gab, die er