Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
10
 
Einzelbild herunterladen

10

und Goethe auf den Höhen der Menſchheit ſtehen und daß ihr Großmeiſterſtuhl noch lange unbeſezt bleiben wird; kurz, ich bin noch immer der alte Enthu⸗

ſiaſt für Natur und Kunſt, was wohl heute zu Tage mitten unter ſo vielem

politiſchen Getreibe recht mal à propos, wo nicht gar abgeſchmakt erſcheinen mag. Aber eben dieſer unheimliche Drang nach der Finſterniß eines allgemei⸗ nen Chaos, aus dem ſie dann das neue Licht holen wollen, entſezt mich ſo ſehr, daß ich mir meine eigene Welt ſchaffe, um nur jener Unholde nicht. inne zu werden. Freilich habe ich außer meinen Amtsobliegenheiten, die ich ſtreng zu erfüllen beſtrebt bin, weiter nicht viel Großes in der Welt gewirkt. Aber ich habe mich oft mit dem VBewußtſein zu Bette gelegt, vorſäzlich nichts ſes gethan zu haben, zuweilen ſogar mit der Erinnerung an die wohlwollende oder dankbare Empfindung eines mir freundlich geſinnten Weſens; immer aber mit dem innigſten Dankgefühl gegen den Schöpfer und Erhalter des Weltalls. Unheil habe ich dem Himmel ſei Dank in dem abgelaufenen Jahre keines erfahren; obwohl es unglüklicher Weiſe Augenblike gegeben hat, da ich mit dem, mir beſchiedenen Theil von Glük doch nicht ganz zufrieden war, was mich recht vom Herzen reut; denn, ich war damals jederzeit ein rechter Thor. Dixi, et animam salvavi meam.

Jezt nahm unſer Hauswirth das Wort:

Was mich betrifft, meine Herren! ſo babe ich außer des Lebens Roth⸗ durft und ſparſam mir ſelbſt gegönnter Lebens Luſt, die wahrlich Nie mand betrübte, das vorige Jahr ausſchließend der Kunſt geweiht. Ich durch gehe mit vergnügter Selbſtzuſriedenheit alle vier Jahreszeiten, die ich ſogar in vier ganz erträglichen Phantaſie gemälden für einen Kunſtfreund zur Dar ſtellung brachte. Weiters habe ich zwei gelungene Portraits, die beſtellten Kopien von vier ſauberen Seebildchen und zwei große Landſchaften, Erin

nerungen meiner Reiſe durch den Norden gemalt, mit denen ich dermalen.

noch keinen Ausweg weiß. Mit Vergnügen ſchaue ich dem neuen Jahr und den Arbeiten entgegen, die es bringen wird. Mein Wahlſpruch iſt, und möchte er immerhin meine Tage verkürzen: Ars longa, vita brevis. Könnte ich nur alle die Ideen ausführen, mit denen ich mich immer ſo lange herumbalgen muß, bis ich endlich einer von ihnen, die mir alle gleich lieb ſind, den Vor⸗ zug vergönnt habe. Ihr Herren, ich bin zu Ende. Wer von Ihnen hat Luſt, fortzufahren?

Laßt es den Poeten ſein! Er ſchikt ſich am beſten nach dem Künſtler,

rief 637 Freund und winkte ſeinem Nachbar, der zweite meiner Bekannten

in dieſem Kreiſe; ein junger Mann, der, bei einem Kaufmann in Kondition

ſtehend, darüber in dulei jubilo war, daß er ſich für dieſen Abend los machen konnte, um einmal außerhalb der Komptoirluft, unter fröhlichen Seelen, ein paar freie Athemzüge zu thun. Er hatte das Unglük, daß ihn von Zeit zu Zeit die heilige Raſerei ergriff, Verſe zu machen. Aber glüklicher Weiſe wa ren es gute Verſe.) Es waren ſogar Gedanken darin, und zwar recht ſchar fe, epigrammatiſche Gedanken, die den Nagel auf den Kopf trafen. Vielleicht Schade, wenn ſein Talent etwa beim Kontobuch verſäuert! vielleicht auch nicht! wer kann das wiſſen? Wozu ſollen auch heutzutage ſo viele Genie's? heute, wo wir unglüklicher Weiſe deren ſchon mehr, als zu viel haben? Freilich kemmen Mauche zu dieſer Benennung, wie der römiſche Landpfleger

n