Jahrgang 
Band 1 (1835)
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was ſie that; wie ſie ihren Koffer öffnete; was ſie auskrammte; was ſie im halb⸗ lauten Selbſtgeſpräche verrieth; was ſich, nach zurükgeſchlagenem Schleier, auf ihrem Antlize ſpiegelte, und was Gang, Haltung und Miene verkündete. Leiſe, wie er gekommen, ſchlich er dann wieder fort, und eilte zurük in den Kreis harrender Freunde, die ihn als Späher ausgeſendet hatten, und erhob ihr Gemüth durch frohe, tröſtliche Kunde.

Vei Gott! rief er, den ungeſtüm drängenden Brüdern die Hände ſchüttelnd,ihr Antliz verſpricht viel! Ihr Auge traf mich zufällig, als ſie den Schleier hob, und blikte Zuverſicht und Freudigkeit in mein Herz. Ganz heiter könnt' ich ihre Züge zwar nicht nennen; aber wie traurig öde wäre ein Geſicht voll platter Heiterkeit, ohne einen dämpfenden Anflug lieblicher Wehmuth'! Einen reichen Aehrenkranz trug ſie in den duftenden Lo⸗ ken, und, ſtatt des Gürtels und Saumes, lief eine Reben⸗Guirlande um Leib und Kleid! Als Orden ſchimmerte von ihrer Bruſt ein dunkelrother, ſeltſamflakernder Stern, den ich bei wenigen ihrer Schweſtern noch bemerkt batte. Sie war ämſig beſchäftigt, die Schäze, die ſie mitgebracht, auszule gen und zu ordnen. Da bemerkt' ich manches Käſtchen mit blizenden Di a⸗ manten; manche flimmernde Agraffe; manchen Blumenſtrauß, entſproßt unter einer ſchönen Sonne; manches Seide nband und manche Goldkette. Auch eine Leier langte ſie hervor, durch deren melodiſche Saiten ein Lufthauch zitterte, als es, wie Summen ferner Sonntagsgloken das Gemach durchſtrich, und in ſäuſelndem Echo verhallte. Auf der Seite ſah ich ein geſplittertes Schwert lehnen, das ihr auf der Reiſe zerbrochen zu ſein ſcheint. Eine kleine Phiole mit Gift lag, wie ausgeſtreut und vergoſſen, am Voden. Jezt zog ſie eine Karte hervor, und entfaltete ſie mit prüfender Miene, als überlegte ſie ihren weiteren. Neiſeplan. Auf der Karte aber erblikte ich, beim Schimmer der Aſtral-Lampe, die das Gemach erhellte, einen großen Kontinent, in Geſtalt⸗ einer ſizenden Jung⸗ frau. Mit einem wehmüthigen Lächeln glitt ihr Auge über das Haupt und den Vuſen der Jungfrau weg,, und heftete ſich, lang und ſinnend, auf die Herzgegend derſelben. Eine ſanfte Röthe überflog ihr Antliz; ihre Blike wurden feuriger und beredter; wachſende Begeiſterung malte ſich in ihren Zügen, und, indem ſie ihre Hand, wie ſegnend, auf die bezeich⸗ nete Stelle der vor ihr ausgebreiteten Karte hielt, rief ſie im Tone einer Hentzükten Seherin: 8

Ja dich, du Herz des Welttheils, den ich liebe, Dich will vor allem andern ich bedenken!

Du hieltſt dich fern dem eklen Zeitgetriebe, Auf dich will ich mein Auge ſegnend lenken!

Wohl kenn' ich deinen Namen, Land der Treue, Wohl kenn' ich deine Fürſten, Land des Glük es.! Dich zu begünſt'gen, bringt mir keine Reue:

Werth biſt du meines mütterlichſten Vlikes!

Dein ſei'n ſie, meine köſtlichſten Juwele,

Damit ſie ſchmüken deiner Fürſten Kronen!

Der Eintracht und des Friedens Hauch beſeele Die biedern Völker, welche dich bewohnen!