Jahrgang 
Band 1 (1835)
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aber auch in einem Anfluge übler Laune, härter und bos hafter behandelt wor den zu ſein, als man es von einer Dame erwarten ſollte. Aus dieſer doppel⸗ ten Rükſicht hielt man es daher für ſeine Pflicht, keine von jenen kleinen

Uufmerkſamkeiten und Huldigungen zu vernachläſſigen, durch die man läunen hafte Köpfe gewinnen und leidenſchaftliche Gemüther im erſprieslichen Gleich⸗ gewichte erhalten kann.

Aber die Dame ſchien abſichtlich allen Empfangs-Zeremonien ſo viel als möglich ausgewichen zu ſein, um ſich zu nichts verbindlich zu machen. Schon waren die hellen Sternlein längſt heraufgezogen und hielten am mondloſen Himmel ohne Aufſicht und ungeſtört ihren Reigen; in den Häuſern der Men ſchen waren ſchon hin und wieder die Läden und hinter den Läden die Augen zugefallen, als wäre man ſich des Gaſtes für heute gar nicht mehr gewärtig; ſchon weheten froſtige Mitternachtlüfte; ſchon rükte der Zeiger der Thurm uhr leiſe gegen zwölf hin, da fuhr eine Sternſchnuppe, wie eine leuch tende Vorbotin der Erwarteten, quer über den Himmel, und ein geiſterhaf tes Geraſſel durchdröhnte die ſchweigende Mitternacht, und der Wagen war hineingerollt durch das Thor des Gaſthofes, und abgeſtiegen war die verſchleierte Dame.

Sie iſt da! hieß es allgemein, und, wie ein elektriſcher Schlag zit terte es durch alle Herzen:Sie iſt da!Wie ſieht ſie aus? fragte man ſich hier, lüftete ſie denn ihren Schleier gar nicht? Konnte man nicht einen einzigen Blik ihr ablauſchen, aus welchem ſich auf ihre Sinnesart ſchlie ßen ließe?Welche von ihren Schweſtern gleicht ſie am meiſten? forſchte man dort.Ach wenn ſie doch ihrer Vorgängerin gliche! rief ein Froh begeiſterter. Dieſe war ſo gut; ſie öffnete ihre Speicher, und gab die Fülle goldener Aehren preis: ſie füllte uns die Fäſſer mit ſüßperlendem, herzlaben dem Nektar; ließ uns bei Weinen lachen; bewahrte uns, was wir lieben; gab uns viel; nahm uns wenig; erhielt Frieden im Hauſe; beſchränkte den Streit auf engere Grenzen und leiſtete in Allem mehr, als ſie bei ihrer Ankunft zu verſprechen ſchien!Ach wenn ſie nur ihrer Vorgängerin nicht gliche! ſeufzte mit thränenfeuchten Augen ein Anderer. Sie liebte den Zank; ſendete ibre Mordbrenner aus, daß ſie mit glühenden Strahlen die Saat wegſengten vom Felde und das Gras von der Flur, daß ſie Wälder in ihrem Uebermuthe anzündeten, und verheerende Brände ſchleuderten in die Wohnungen friedlicher Bürger! Sie nährte den Keim des Siechthumes in den Adern erſchöpfter Völker; ſie rüttelte an den Grundeeſten der Verge; ſpaltete Thäler und er preßte ſtöhnenden Hügeln den Angſtſchweiß der Verzweiflung!Hat ſie denn Niemand geſehen? Ahnt Niemand, was ſie bringen mag? Verrieth ſie ſich durch kein Lächeln, durch keine Drohung? So klang es bunt durch einander von den Lippen derer, die noch wachten; die Schlafenden aber träum⸗ ten von ihrer Ankunft, und lispelten, unwillkürlich:Sie iſt da!

Nur ein Poet hatte ſich leiſe in ihre Nähe geſchliechen. Unbemerkt gelangte er bis an die Schwelle des Gemaches, in das ſie eingezogen war, und betauſchte, mit gehemmtem Athem, die Toilette der Angekommenen. Sie ahnte nichts von ſeiner Gegenwart und überließ ſich ungeſtört und ohne Rük⸗ halt, ihrem Vehagen. Der Poet aber muſterte, mit forſchenden Bliken,