1. Sonnabend, 5. Januar. 1855.
er Spiegel
Kunst, Eleganz und Mode.
(Achter Jahrgang.)
Halbjähriger Preis 4 fl., mit freier Poſtzu⸗ Man pränumerirt im Kommiſſionsamt zu Ofen
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0 ſendung 5 fl. Auf Velinpapier mit erſten 2(Feſtungsauffahrt), in Ferd. Tomalas Kunſthand— Kupferabdrüken 5 fl. und poſtfrei 6 fl. C. Me. 2
lung zu Peſth und bei allen k. k. Poſtämtern.
Pie verſchleierte Dame. (Peognoſtikon.) Von Johann Gabriel Seidl.
Im Gaſthofe zur„Europa““ war eine verſchleierte Dame angekommen. Sie ſchien ſeit Langem ſchon erwartet zu ſein, denn Alles war zu ihrem Empfange vorbereitet. Fröhliche Trüppchen trieben ſich auf den Straßen umher, um ihre Ankunft ja nicht zu verſäumen. Allenthalben ſcholl aus Zimmern und Stuben ein munteres Leben und Weben; bunte Geſtalten bewegten ſich, hinter den froſtumflorten Scheiben erleuchteter Fenſter in regem Wirbel durcheinander; manche rauchende Punſchbowle duftete lieblichen Wohl⸗ geruch; manche blank gedekte Tafel war umlagert von lebeusluſtigen Oäſten, und das Geſpräch in Aller Munde war— die verſchleierte Dame.
Man wußte ſich vorläufig nicht mehr von ihr zu ſagen, als daß ſie die fjüngſte Tochter einer kinderreichen Mutter ſei, einer Dame, deren Adel ſich aus den erſten Tagen der Urwelt herſchreibt; die Alles mit ihren Launen beherrſcht, über Alles aburtheilt, heute zerſtört, was ſie geſtern ge— baut hat, kurz alle Tugenden und Mängel ihres Geſchlechtes an ſich trägt, und ſich in jeder ihrer zahlreichen Töchter verjüngt, bis ſie einſt mit der lez⸗ ten(für die man die eben angekommene— ſo Gott will!— noch nicht halten zu dür fen glaubte) gemeinſchaftlich zu Grabe gehen wird. Man erinnerte ſich. ſchon mehrere Schweſtern der im genannten Hotel Abgeſtiegenen, unter ähn— lichen Verhältniſſen, erwartet und empfangen zu haben, und, ſür dieſe zarte Aufmerkſamkeit, von denſelben mit manchem Akte der Wohlthätigkeit, mit mancher unverhofften Freude, mit manchem köſtlichen Geſchenke überraſcht, oft
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