Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
831
 
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So war denn ſeine Wittwe unter meinem Schuz. Unſer Verhaͤltniß kam natürlich der Welt zweideutig vor, uns aber war es ganz klar und beſtimmt; denn Jenny, ſo hieß die Wittwe, hatte noch von ihrem Mann gehört, was ich ihm ihretwegen verſprochen, und daß er dazu ſeine volle Zuſtimmung gab. Ich ſah ſie alle Tage, und du kennſt mich genug, lieber Ludwig, um zu begreifen, daß ich mich bald immer mehr zu ihr hingezogen fühlte. Ich drängte aber das Gefühl gewaltſam in mein Herz zurük und hütete mich wohl, ihr etwas davon merken zu laſſen. Vor Allem dachte ich daran, mein Verſprechen zu erfüllen, und für's Erſte betrachtete ich es ſchon als ein Glük, daß ich die ſchüzen, daß ich der dienen konnte, die ich in meinem heimlichſten Herzen anbetete.

So lebten wir faſt ein Jahr, da ich von einem Monat zum andern meine Abreiſe verſchieben mußte, um erſt alle meine Geſchäfte abzuſchließen. Endlich traten wir unſere Reiſe an, über neunhundert Meilen weit bis in den fernſten Weſten der Vereinigten Staaten. Jenny zeigte ſich immer dankbar für meine Sorge um ſie, die mein höchſter Genuß war. Oft ſprachen wir von ihrer Fami⸗ lie, von ihrer Zukunft, von den Ländern, die wir durchreiſten, von ihren Sit ten und Eigenthümlichkeiten. Nach und nach ſchlang ſich um uns ein Band zar ter Vertraulichkeit, das für ſie nichts Beunruhigendes hatte. Ihr Gemüth war einfach und rein, ihr Geiſt gebildet. Die Unterhaltung mit ihr war ſo unend lich anziebend für mich, daß ich darüber manchmal den ſchauderhaften Gedanken an die Zeit vergaß, wo ich ſie nicht mehr ſehen würde. Der Ort, wo Jen⸗ nys Schwager ſich niedergelaſſen hatte, iſt einer von den kleinen Fleken, die überall an der Grenze der Wüſte entſtehen, die aber bald nicht mehr auf der Grenze liegen, weil unternehmende Koloniſten noch weiter in der Einöde vorge⸗ hen. Als wir ankamen, umgaben uns gleich die Einwohner des maleriſchen Flekens, um uns die Wohnung zu zeigen, die wir ſuchten. Dabei ſagten ſie uns aber, der Eigenthümer lebe nicht mehr. Auch ihn hatte vor zwei Monaten eine Krankheit weggerafft. Sein Vermögen hatte er Jennys Mann vermacht; da aber dieſer auch nicht mehr lebte, ſo fiel das Erbe an einen dritten Bruder in Europa. So war denn die arme Frau ohne alle Hilfsmittel.

Als ſie dieſe Um ſtände vernahm, entfiel ihr der Muth. Sie ſah ſich auf der fremden Erde von Himmel und Menſchen verlaſſen, überdies ſo weit, weit von der Heimath! Ein Thränenſtrom entſtürzte ihren ſchönen Augen, und wie in Verzweiflung warf ſie ſich in meine Arme. Bei dieſer Bewegung eines jungen, ſchönen Weibes, das meinen Schuz anzuflehen ſchien, das ſich mir anvertraute, als dem einzigen Freund, den ſie auf Erden hatte, bei dieſer mächtigen Auf⸗ regung Jennys durchzukte mich ein früher nie gekanntes Gefühl. Glük, Selig⸗ keit, und doch wieder Unruhe nahmen mir die Stimme und kaum wagte ich zu athmen. Ein herrlicher, lichtvoller Strahl der Hoffnung drang in mein Herz und füllte es mit dem Wahnſinn namenloſer Freude. Von dieſem Augenblik an war mein ganzes Weſen wie umgeſtaltet. Das Unerreichbare ſchien mir nun er reicht, von mir fielen die läſtigen Feſſeln der Furcht und der Schande, die ſeit Jahren ſchwer auf mein Herz gedrükt und keine frohe Hoffnung mehr in mir aufkommen laſſen. Es brauchte Zeit, bis wir beide wieder ruhig wurden. Dann aber geſtand ich innig und frei, daß ich ſie ſchon lange liebe, aber nie den Muth gehabt haben würde, es ihr zu ſagen. Ich bat ſie um ihre Hand, als um ein herrliches Geſchenk. Sie hörte mir mit Rührung zu, ſchien aber nicht erſtaunt.