Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
830
 
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chen und Fräulein in Europa, Bukligte vor Allen müſſen ſie heirat hen. Ge⸗ wiß, Bukligte ſind, wenn nicht die ſchönſten und verführeriſchſten Männer, doch die ihren Frauen ergebenſten. Dem Vukligten iſt ſeine Frau mehr denn eine Frau, ſie iſt ihm ein göttliches Weſen, das ihn gerettet hat; er glaubt nicht, daß er ihr gleich ſei, er hält ſich nur für ihr dankbares Geſchöpf. Beſonders aber, und dies iſt die Hauptſache, beſonders wird er nie vergeſſen, daß er durch ſich ſelbſt keine Anſprüche auf ſie machen konnte, daß ſie ihm aber doch einen Himmel voll Freude geöffnet hat, wofür ſie ſein Herz nie genug lieben und ver⸗ ehren kann.

Als ich von Haus abreiſte, ſagte ich dir nicht, was ich vor hatte. Auf⸗ richtig geſagt, ich hatte auch nichts vor. Mein einziges Wollen und Streben war nur, den Ort zu verlaſſen, wo ich ſo viel gelitten. Zuerſt ging ich nach Paris und brachte da einige Zeit zu. Hier ſchlug man mir vor, nach Nordame rika zu gehen, um da Geſchäfte in Ordnung zu bringen, bei denen ſehr viel zu gewinnen war. Dieſer Vorſchlag kam mir ganz recht, ich nahm ihn an, und wenige Tage darauf war ich auf dem Meer. Das Schiff war voll Reiſenden. Unter ihnen bemerkte ich einen jungen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, der mich durch ſeinen ſtillen, trüben Ernſt gleich in den erſten Tagen anzog. Er ſchien an einem Bruſtübel zu leiden, das er aber mit Ergebung und Muth er trug. Da unſere Ueberfahrt lange und beſchwerlich war, hatte er viel zu lei⸗ den, und als wir endlich Land ſahen, wußte man nicht, ob man ihn lebend werde ausſchiffen können. Seine junge Frau verließ ihn keinen Augenblik; ich war Zeuge ihrer unendlichen Liebe und Sorgfalt, die nie ermüdet, und ich erin nere mich, daß ich den Sterbeuden mit neidiſchen Augen betrachtete, daß ich all meine damalige und künftige Habe um das Glük gegeben hätte, in den Armen dieſes himmliſchen Weibes ſterben zu können. Es war ein junger Geiſtlicher voll Glauben und Eifer, der in einen der weſtlichſten Staaten Nordamerikas ging, um dort einer eben entſtandenen Kirche vorzuſtehen. Dahin hatte ihn ſein Bru der gerufen, der ſchon einige Jahre früher dort eine Niederlaſſung gegründet hatte. Er erzählte mir dies ſelbſt, fügte aber einmal, wo uns ſeine Frau nicht hören konnte, leiſe hinzu:Ich zweifle, ob ich hinkomme. Nur Eines bitte ich von Gott, der mich zu ſich fordert, daß er mir ſo lange noch das Leben läßt, bis ich meine Frau zu meinem Bruder gebracht und ſeiner Sorge übergeben habe. Bei dieſen Worten ergriff ihn ſo innige Rührung, daß er zu einem Ge bet überging, worin er ſich mit ergreifender Einfalt zu Gott wandte. Er lebte noch bei der Ausſchiffung. Ich fühlte wohl, daß ich den armen, ganz allein ſte henden Freunden nöthig war, und über den Gedanken, ihnen nüßzlich zu ſein, vergaß ich ganz mein eigenes Leid. Ihre Lage machte ihnen die größte Einſchrän kung zur Pflicht, ſie mußten daher in einem der geringſten Gaſthöfe New-Porks einkehren. Gern folgte ich ihnen dahin. Da ich abwechſelnd mit ſeiner Frau am Bette des Mannes wachte, ſo benuzte ich die Stunden, wo ich mit ihm allein war, um ihn über das Loos ſeines jungen, ſchönen Weibes nach ſeinem Tode zu beruhigen. Ich verſprach ihm, ſie ſelbſt zu ſeinem Bruder zu führen, ſobald meine Geſchäfte in New-York abgemacht ſein würden, und wenn ſie nicht dort bleiben wolle, ſie zurük nach Europa zu ihrer Familie zu bringen. Dies Ver⸗ ſprechen that ihm unendlich wohl, von nun an ſprach er mit ſeiner Frau nur, um ſie auf ſeinen Tod vorzubereiten, und entſchlummerte ruhig.