Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
823
 
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Oas Mädchen hatte ſchöne blonde Haare und lange Wimpern zogen ſich über ihre blauen Augen, aus denen tiefes Gefühl mit jungfräulicher Schüchternheit ſprach; in ihren, von der Sonne verbrannten Zügen, miſchte ſich Zartes und Hartes, wie es bei weiblichen Weſen nicht anders ſein kann, die ein ſo unſtätes abenteuerliches Leben führen. Ihre Geſtalt, obwohl in ärmlicher Kleidung, konnte ſehr anmuthig genannt werden. Wenn man das arme Mädchen ſah, wie die keken Blike der Umſtehenden auf ſie fielen, ſo konnte man ſich des Mitleids nicht erwehren, denn ſie ſchien eine ſchöne Pflanze, die der rauhe Wind hin und her reißt, die aber unter einem andern Himmel herrlich gedeihen würde. So dachte ich, aber in Heinrichs Gemüth ging ganz Anderes vor. Unbeweglich ſtand er an meiner Seite und betrachtete das Mädchen mit innigem Mitleid; ihr unausge bildeter, aber zum Herzen gehender Geſang hatte ſeit lange wieder ein weiches Gefühl in ihm erregt; Thränen ſtanden ihm in den Augen. Ich fürchtete, dieſe Aufregung möchte ihm ſpäter weh thun und ibn noch trauriger machen, darum wollte ich ihn wegziehen, er war aber nicht von der Stelle zu bringen. Nach dem erſten Lied ſangen die Frauen ein zweites; darauf kam das Mädchen und hielt uns mit niedergeſchlagenen Augen und erröthend ihren kleinen Teller zum Einſammeln hin. Sie gingen weiter, von Straße zu Straße, bis Abends. Wollte ich meinen Freund nicht allein laſſen, ſo mußte ich ihm folgen; er ging ihnen überall nach.

Als wir endlich am Abend nach Haus kamen, blieb er lange ſtill, und ich konnte wohl ſehen, daß ihn etwas ſehr beſchäftigte. Endlich ſagte er ſehr be wegt und raſch:Wer wird dieſe Frauen ihrem verworfenen Gewerb entreißen? Wer wird dies arme Mädchen in eine beſſere Lage, in die Lage bringen, deren ſie gewiß würdig iſt? O gewiß, ſo erröthet kein Mädchen, ſo ſchüchtern blikt keine, wenn ſie nicht ehrlich und rein iſt! Indem er ſo leidenſchaftlich ſprach, ſayh er mich feſt an, als wolle er die Wirkung ſeiner Worte auf mich beobachten, und da ich ihm nicht gleich antwortete, ſo fuhr er mit ſteigender Leidenſchaft fort:Ich, ich möchte ſie aus ihrer Lage reißen, ich möchte ihr die Stelle anweiſen, deren ſie gewiß würdig iſt! aber ſie wird mich nicht wollen, und das willſt du mir nicht ſagen. Bei dieſen Worten wurde ſeine Stimme ſehr bewegt und er brach in Thränen aus.Heinrich! Heinrich! du geräthſt auf Irrwege! Wie kannſt du an ſo etwas denken? Ich halte das Mädchen für ehrlich, aber welcher Skandal in der öffentlichen Meinung, wollteſt du ſie zur Frau nehmen. Meine Aeußerung brachte ihn zur Wuth.Die öffentiche Meinung? rief er voll höhnenden Zorns,die öffentliche Meinung? Und der ſollte ich Opfer bringen? ich? was bin ich ihr ſchuldig? Ich haſſe, ich verachte dieſe öffentliche Meinung, ich troze ihr; durch ſie will ich nicht leiden und nicht ſterben, darauf verlaſſe dich. Die öffentliche Meinung! der Skandal! Wenn mich weiter nichts hinderte! Nein! es iſt etwas anderes, du willſt nur nicht mit der Sprache heraus, du willſt mir nur nicht ſagen, daß ein auf der Straße aufgeleſenes Mädchen noch zu gut für mich iſt, daß ſie mich nicht will. Sag es nur, Heinrich, daß ich mit meinem liebenden Herzen verdammt bin, allein und elend zu leben und zu ſterben. Er konnte nicht weiter ſprechen, denn ein neuer Thränenſtrom erſtikte ſeine Worte. So endigte ſich dies Geſpräch. Später war zwiſchen uns nie mehr die Rede von dem Harfen mädchen. Hein rich verfiel von nun an in im⸗ mer zunehmende Niedergeſchlagenheit und ſcheinbare Gleichgiltigkeit. Auch wa