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trat er denn in ein Komptoir und lernte da die Kunſt, Geld zu verdienen. Mit ſeinem offenen Kopf machte er auch hier raſche Fortſchritte, und eine glän— zende Laufbahn lag vor ihm. Leider genügte ihm nicht, was man in einem Komptoir gewinnen kann; ſein immer noch freundliches, lebhaft fühlendes Herz empfand das Bedürfniß, ſich in Liebe an ein anderes, dak ſen anzuſchließen. Aber auch hierin hatte er kein Glük.
Als Heinrich anfing in Geſellſchaften zu kommen, war er zwar ſchon durch harte Erfahrungen über gar Manches enttäuſcht, er dachte aber nicht, daß ein Herz wie das ſeinige verſchmäht werden könnte, und daß ihm der Weg zur Ehe verſchloſſen ſein werde, wie früher der zur Kavallerie und zum Advokatenſtand. Bei alle dem war er im Ungang mit Mädchen ſchüchtern und ängſtlich, er woll— te ihnen nur durch liebenswürdigen und gebildeten Geiſt gefallen und wagte nicht das lebendige Gefühl aus zuſprechen, von dem ſein Herz voll war Dies führte ihn in manchen peinlichen Irrthum. Die Mädchen konnten ihn wohl lei— den, hatten ihn ſogar gern in Geſellſchaft, weil ſie voraus ſezten, daß ihm dies genügen müſſe. Wagte er es aber einmal, ein Wort von Neigung fallen zu laſ— ſen, ſo zog er ſich die empfindlichſten Antworten, die demüthigendſten Bemer— kungen zu. So mußte er im Umgang mit ihnen alle Empfindungen mit Gewalt niederkämpfen.— Auch damals war ich noch ſein Vertrauter, und höchſt peinlich war es mir, wenn ich gar oft ſah, wie er Thränen vergoß. Da ich die Urſache wohl ahnte, ſo veranlaßte ich ihn nie, mir die Urſache ſeines Leids zu entde— ken; wußte ich doch kein Mittel ihm zu helfen. Auch er ſchwieg; nur einmal ſagte er zu mir:„Das Mädchen, das ich über Alles liebe, iſt ſchön und ſehr liebenswürdig; ſie wird mich alſo nicht wollen. Allein mag ich aber nicht län— ger bleiben. Ich wollte mich gern an die wenden, welche am wenigſten hübſch und am wenigſten liebenswürdig iſt, an die, welche kein anderer Mann will, wenn ſie nur die Meinige werden wollte.“ Ich beſtärkte ihn in dieſer Anſicht und verſicherte ihn, daß er gewiß noch durch eine Wahl glüklich werde, wenn er nur geringe Anſprüche machen und auf den vergänglichen Reiz der Schönheit keinen Werth legen wolle. Dieſer Troſt war ihm freilich ſchmerzlich, aber er ſah doch ein, daß ich im Grunde Recht hatte, und von nun an benahm er ſich im Umgang mit Mädchen ſo, daß ſie ihm keine bittern Bemerkungen machen konnten. Wie ich ihn kannte, ſah ich voraus, daß es dabei nicht bleiben werde. Bald wurde die Muthloſigkeit völlig Herr über ihn; er beſchränkte ſich ganz auf ſein Geſchäft, gab eine geſellſchaftliche Verbindung nach der andern auf und fährte zulezt ein völlig zurükgezogenes, einförmiges Leben.
Ruhig ward Heinrich aber darum nicht. Im Gegentheil, in ſeinem In⸗ nern wühlte Tag und Nacht die Sehnſucht nach Liebe, nach einem weiblichen Weſen, das ihn verſtände und ihm die Welt wieder erträglich machte, die ihn oft hart und bitter zurükgeſtoßen hatte. Dies zeigte ſich mir auf ſehr anffallen— de Weiſe.— Wir gingen einmal durch einen entlegenen Theil der Stadt, da hörten wir eine Harfe mit zwei Frauenſtimmen, und da Heinrich die Muſik lei⸗ denſchaftlich liebte, ſo zog er mich dahin und wir fanden im Hof eines großen Hauſes zwei Sängerinen, wie ſie zur Sommerszeit überall herumziehen, wo etwas zu verdienen iſt. Sie ſangen ein deutſches Lied; in ihrer Kleidung und in ihrer ganzen Art und Weiſe lag etwas Rechtliches und Anſtändiges. Die jüngere, ungefähr ſiebzehn Jahre alt, ſchien die Tochter, die andere die Mutter.


