Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
798
 
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Dieſer war ſo eifrig mit dem Plündern beſchäftigt, daß er nicht wahrnahm, wie man ihn beobachtete. Vécroy merkte ſich ihn genau. Seine ſchlanke Geſtalt, ſeine auffallenden Geſichtszüge! eine friſche, noch blutende Wunde in der rechten Wange: alles dies vereinigte ſich, ihm die Perſon des Böſewichts unvergeßlich zu machen. Hätte Bécroy in dem Augenblik Feuergewehr bei der Hand ge habt, ſo würde er ohne Bedenken nach ihm geſchoſſen haben. Da er indeß nur ſeinen Degen hatte und ſelbſt am Beine verwundet war, ſo ſah er ſich außer Stand 5 den Ort ſchnell zu erreichen. Seine Soldaten waren in einiger Entfernung zer ſtreut. Als er laut zu rufen anfing, ſprang der Plünderer, der ſeine Arbeit verrichtet zu haben ſchien, auf und lief von dem Theil des Schlachtfeldes hin weg. Becroy rief ſeinen Leuten zu, ihn zu verfolgen; der Mann entkam jedoch ſeinen Verfolgern. Da dieſe aber Andern eine Beſchreibung ſeiner Perſon gege ben hatten, ſo wurde er im Laufe der Nacht feſtgenommen und einer Wache in Gewahrſam gegeben. Es zeigte ſich, daß dieſer Menſch wirklich ein Lieutenant in der franzsſiſchen Armee, Namens Antoine Leitzen, war; daß er, obgleich noch ſehr jung, nicht nur in dieſer Schlacht tapfer gefochten und eine Wunde im Geſicht erhalten, ſondern ſich auch bei vielen früheren Gelegenheiten ausgezeichnet hatte. Kapitän Beécroy's Zeugniß wäre ſo beſtimmt und entſcheidend geweſen, daß, wie unglaublich eine ſo ſchändliche Handlung bei einem franzöſiſchen Offizier auch hätte erſcheinen mögen, Leitzen ohne Zweifel am folgenden Morgen würde er ſchoſſen worden ſein, hätte er nicht noch in derſelben Nacht in der, einer bluti⸗ gen Schlacht folgenden Verwirrung die Flucht ergriffen. Von der Zeit an hörte man nichts weiter von Leitzen, obgleich in dieſer Diviſion der Armee viel von dem Vorfall geſprochen wurde, bis mein Freund in Eugene Lancreville's Perſon den Plünderer von Smolensk wiedererkannte.

Ich erzählte hierauf meinem Freunde ohne Bedenken, was ſich in Mon ſieur de Mérac's Hauſe zugetragen, und wovon ich Zeuge geweſen; und wir kamen Beide zu dem Schluß, Lancreville habe an dem Diebſtahl Theil genom men, indem der Elende, welcher die Todten oder Sterbenden auf dem Schlacht felde zu plündern vermögen, leicht ein verhärteter Räuber werden könne, der die Geſellſchaft ſyſtematiſch beraube. Wir hielten es des halb für unſere Pflicht), Monſieur de Mérac mit dem wahren Charakter des Schwindlers bekannt zu machen, dem er auf eine ſo unbeſonnene Weiſe Zutritt in ſein Haus geſtattet, und nachher Maßregeln zu ergreifen, Lancreville den Händen der Polizei zu überliefern.

Wir begaben uns deshalb nach Monſieur de Mérac's Hauſe, den wir we⸗ gen der langen, unerklärlichen Abweſenheit ſeines Sohnes in einiger Unruhe fanden. Ehe wir ihn von unſerm Geſchäft in Kenntniß ſezten, theilte er uns mit, die Gensd'armerie habe einen verdächtigen Menſchen arretirt, der ſich Pierre Breſſe nenne. Beim erſten Verhör habe ſich gezeigt, daß er bei dem in ſeinem Hauſe verübten Diebſtahl betheiligt ſei.

Mein Freund, der Obriſt, erzählte hierauf Monſieur de Mérac ſeine Ge ſchichte, und theilte ihm die Gründe mit, warum er glaube, daß Lancreville und Leitzen ein und dieſelbe Perſon ſeien, während ich durch einen Bericht über das, was ich in der Nacht, wo der Diebſtahl verübt wurde, geſehen und gehört, den coup de gräce gab. Dies ſchien Monſieur de Mérae ſehr zu betrüben und in ſeinem Glauben wankend zu machen; dennoch war er nicht geneigt, Lancre