Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
790
 
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Napoleon einen ehrenvollen Namen erworben hatte. Sein Rang war ihm bei Ludwig's XVIII. Thronbeſteigung beſtätigt worden, und der Obriſt hatte ſich damals ſchon ſeit einiger Zeit aus dem Dienſte zurükgezogen. Ich freute mich, ihn ſo unerwartet zu ſehen, und er hatte meine Einladung, mit mir an dem Tage an unſerm table d'héte zu ſpeiſen, angenommen. Der Obriſt kam einige Zeit, nachdem wir unſere Size eingenommen hatten. Er konnte als Muſter ei nes alten, tapfern Soldaten dienen, und war voll von Anekdoten und bonho mie. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß Obriſt Bécroy während des Eſſens ungewöhnlich ſchweigſam war, und von Zeit zu Zeit ſeine Augen for ſchend und fragend auf Lanereville richtete; Lanereville gab jedoch kein Zeichen der Wiedererkennung. Als das Mittagseſſen vorüber war, ging ich mit dem Obriſten nach meiner Wohnung in der Stadt, und nekte ihn auf dem Wege über ſeine ungewöhnliche Schweigſamkeit bei Tiſche.Ah! mon cher, erwi⸗ derte er,wer um des Himmelswillen war der Mann mit der Schmarre auf der rechten Wange, der am Ende des Zimmers ſaß?Monſieur Eugeène Lancreville! antwortete ich.Lancreville Lancreville, wiederholte der Obriſt, zum Theil mit ſich ſelbſt ſprechend und murmelnd;nein, nein, das iſt nicht der Name, gar keine Aehnlichkeit damit; aber die Schmarre, das Geſicht, den Ausdruk der Augen, ich kann ſie nicht vergeſſen! Wer oder was iſt er? Das weiß ich nicht, mein lieber Freund, und konnte es nie erfahren! war meine Antwort. Des Obriſten Bécroy's Neugierde war nicht ſo leicht zu befriedigen; er hörte nicht auf, mich auf jede mögliche Weiſe über den Mann zu befragen. Ich konnte ihm nur mittheilen, daß er ſich um die Tochter Mon ſieur de Mérac's bewerbe, was für Gerüchte über ihn im Umlauf ſeien, und daß er ſehr zurük haltend ſei.

Mein Freund war offenbar im Nachſinnen vertieft, und wiederholte mehr mals:Sonderbar, höchſt ſonderbar! Endlich bat er mich, wenn ich Lancreville ſähe, das Geſpräch wo möglich auf die Kriege der Vergangenbeit zu lenken, und ihn zu fragen: ob er in der Schlacht von Smolensk geweſen ſei. Zugleich ver ſprach mir der Obriſt, ſobald ich ihm Lancreville's Antwort überbringe, wolle er mich über den Grund ſeiner Verwunderung und Fragen aufklären. Wir trennten uns hierauf für den Abend. Die Bitte meines Freundes war nicht ſo leicht zu erfüllen. Ich hatte ſeit einiger Zeit nicht im beſten Vernehmen mit Lancreville geſtanden; und wie konnte ich mir die Freiheit nehmen, eine ſoche Frage an ihn zu richten?

Am nächſten Vormittag traf es ſich glüklicher Weiſe, das ich Lancreville in einem Billardzimmer in der Stadt fand. Er ſchien in einer ungewöhnlich heitern Laune zu ſein, und redete mich mit ungemeiner Höflichkeit an Wir unterhielten uns über unbedeutende Dinge, und als er über ein Detaſchement Soldaten, welche gerade durch die Stadt marſchierten, eine Bemerkung machte, benuzte ich die Gelegenheit, ihn auf die Gemälde von Napoleons Siegen, wel che im Zimmer hingen, aufmerkſam zu machen, und ſagte:Entſchuldigen Sie, Monſieur Lancreville, Sie müſſen viele Feldzüge mitgemacht haben; waren Sie auch in der Schlacht von Smolensk? Ich werde nie den Ausdruk vergeſſen, welchen ſein Geſicht bei dieſer Frage annahm. Seine braunen Wangen wurden bleich, ob vor Zorn oder Ueberraſchung, kann ich nicht ſagen. Mit einem herausfordernden Blike antwortete er langſam und höhniſch:Geſezt, ich wäre in