778 fliehen. Am Ende verlangte er nur zwei Monate, um ihrer würdig zu erſchei⸗ nen, den einen, um eine glänzende That zu thun, wonach er das eiſerne Kreuz zu erlangen hoffte, und den andern, um ſich die Epauletten eines Unterlieute— nants zu erkämpfen. Als aus dieſem nichts wurde, verließ er ſich, muthig und verliebt wie er war, auf ſein gutes Glük. Ines war zu ängſtlich um ihren Vor— mund zu verlaſſen und einem franzöſiſchen Soldaten zu folgen; aber als ächte Spanierin wunderte ſie ſich, daß ihr Geliebter nicht des Nachts die Mandoline unter ihrem Fenſter ſpielte, und daß er noch nicht von der ſeidenen Leiter ge⸗ ſprochen, welche ſich jede Spanierin zu verſchaffen ſucht und die ſie an ihrem Balkon befeſtigt. Bald ward indeß der Fran zoſe mit dieſen Dingen bekannt und zögerte natürlich länger nicht, ſich eine Gunſt zu erbitten, die ihm gern bewil— ligt wurde, und die folgende Nacht ward gleich zum Rendezvous beſtimmt.
Es war eine heiße und dunkle Nacht, als Paul in einen ſpaniſchen Man— tel gehüllt unter dem Fenſter ſeiner Angebeteten das Herunterlaſſen des ſeidenen Steiks erwartete. Ee wußte, daß das Balkonfenſter zu einem Vorzimmer ge⸗ hörte, welches an einen Hausgang ſtieß, an deſſen Ende ſich das Zimmer ſeiner Ines befand. Der Onkel wohnte über ihr. Nach einer Stunde freudigen Har— rens erſchien das ſchöne Mädchen auf dem Valkon, befeſtigte die Leiter und bald hatte er das Ende in der Hand und wollte ſich hinaufſchwingen, als er troz der Dunkelheit einen Schatten in der Straße auf- und abgehen ſah; er ging, den Degen in der Hand, auf den Verwegenen zu, weil er fürchten mußte, durch einen Nebenbuhler oder einen Feind erdolcht zu werden.—„Gehen Sie hier weg, Kavaliere,“ ſagte er auf ſpaniſch,»„dieſer Gang gehört heute mir zu.“— „Ich weiß es, Verehrteſter!“ antwortete man.—„Sie wiſſen es? Was wollen Sie hier?“—„Daſſelbe, was Sie wollen.“
Paul ging mit dem Säbel dicht auf ſeinen Nivalen los. Dieſer hielt ihn auf.„Halten Sie ein; verſtändigen wir uns erſt. Sie ſind alſo Paul Daverne, Grenadier im dritten Regiment? und lieben Signora Ines de Guardia, welche hier wohnt; Sie ſehen, daß ich Sie kenne— Ich bin der arme Theodor, der Kammerdiener unſers Richters, und Sie werden einſehen, daß es mir leicht ge⸗ weſen wäre, in größerer Begleitung zu kommen; aber Gott bewahre mich, ich will Ihre Liebe nicht ſtören, wenn Sie die meinige unterſtüzen wollen.“—„Die Ihrige, Theodor,“ unterbrach ihn Paul und ſah ihn groß vom Kopfe bis zum Fuße an, ſo gut es in der Dunkelheit ging. Es war ein brauner Mann, deſſen ſchwarzer Schnurrbart faſt das halbe wohlgebildete Geſicht bedekte. Er trug einen eleganten, aber ziemlich unordentlichen Anzug.„Sie haben eine Liebe in dieſem Hauſe?“ ſezte der Grenadier hinzu.—„Ja, ich liebe Pepita, das Kam⸗ mermädchen der Donna Ines, und ohne Ihrem Geſchmak zu nahe zu treten, ſo verſichere ich Sie doch, daß ich ſie hundertmal ſchöner finde, als ihre Gebiete— rin. Die Liebe verſchönt Alles, und die Frau, die man liebt, findet man auch am bezauberndſten. Pepita hat mich von Ihrem Rendezvous unterrichtet und Sie erlauben gewiß, gnädigſter Herr, daß ich nach Ihnen auch hinaufſteige?“— Der galante Franzoſe konnte nicht nein ſagen.„Stille und verſchwiegen müſ— ſen Sie aber ſein!“ ſagte er. Paul ſchwang ſich hinauf, erreichte glüklich das Zimmer ſeiner Geliebten und überließ die Leiter dem Kammerdiener—
Man kennt die Zuſammenkünfte zweier Liebenden, die Schwüre, die ſie wechſeln, die ſchönen Träume für die Zukunft; man iſt erſt jung und ſchön,


