767 nicht, denn es war zugeſchloſſen. Ich horchte nur eine Weile.“—„Und was haſt du gehört?“—„O ich habe... ich habe nichts gehört,“ antwortete Wilhelm verwirrt.—„Du haſt nichts gehört?“ wiederholte Emilie, und ihr zarter Arm faßte den Bedienten kräftig.—„Nein, ach nein, gnädige Frau.“— „Morgen will ich ſelbſt ihm nachgehen.“— Die Uhr ſchlug ſieben, Max kam eben die Treppe hecauf und trat in's Zimmer, als er ſie in ſeine Arme ſchloß und küßte, ſagte ſie halblaut:„wenn er doch falſch wäre, wenn er eine Ge— liebte hätte!“
Am andern Tage eilte Max wieder gleich nach Tiſche fort. Dieſes Mal ſchlich ihm kein Bedienter nach; Emilie nahm ihren Mantel, hällte ſich tief hin— ein, und folgte dem raſch dahin Eilenden. Durch viele Straßen, die die Dame ſonſt nur im raſchen Trabe zu durchfahren pflegte, ging der Weg. Es war ein Markttag, betrunkene Bauern verließen die Stadt, Emilie ward geſtoßen, ange— rannt, ein Mällerburſch färbte ihren dunklen Mantel; nach langem Gehen ſtand ſie vor dem Hauſe, Nro. 21, in der Friedrichsſtraße.„Wohnt hier Herr Max von% fragte ſie eine alte Frau unten im Hauſe.—„Im dritten Stok, links zu dienen, aber der gnädige Herr verſchließt immer ſein Zimmer und läßt keine Seele hinein.“— Emilie eilte die Stiege hinan; als ſie vor der bezeich— neten Thüre ſtand, war ſie ſehr bewegt. Endlich, endlich ſollte ſie jezt das Geheimniß erfahren, das ſie ſchon ſo viel verborgene Thränen gekoſtet hatte.
Doch wie es zu gehen pflegt, daß man oft unwillkürlich zaudert, wenn es eine traurige Entdekung gilt; Emilie ſtand eine Weile unſchlüſſig vor der ver— hängniß vollen Thür... da glaubte ſie im Zimmer reden zu hören, ſie legte horchend das Ohr an's Schlüſſelloch, und richtig, es war ihres Mannes Stim— me.—„Sei ruhig, theure Freundin,“ ſagte er,„ich werde dich gewiß niemals, niemals auf dieſer Welt verlaſſen.“— Es war einen Augenblik ſtill im Zimmer, die Horchende draußen war kaum ihrer Sinne mehr mächtig, nur mühſam noch hielt ſie ſich aufrecht. Man ſprach wieder:„Ich habe dir ja auch verſprochen, ich wollte dich, troz meiner Heirath, nicht verlaſſen. An dem einzigen Tage, den ich ganz getrennt von dir verleben mußte, habe ich nicht minder viel als du gelitten, und am andern Morgen bin ich ja gleich zu dir, geliebtes Weſen zu— rük geeilt. Dich allein habe ich meiner Frau nicht aufopfern können. Ach, wüßte ſie um unſern Bund, es würde ſie ſchrekliche Wuth ergreifen, und du hätteſt Alles von ihrem Zorne zu erwarten.“
Emilie riß an der Klingel vor dem Zimmer, daß die Schnur ihr faſt in den Händen blieb. Max überraſcht und meinend, irgend ein Unglük ſei im Hauſe geſchehen, öffnete. Da ſtürzte ſeine Frau herein, ihre unglükliche Nebenbuh⸗ lerin zu vernichten.— Sie fand in dem weniger als einfach möblirten Jungge— ſellenzimmer nichts, was einer Geliebten ähnlich ſehen konnte. Nur ein ſurcht— barer Qualm erfüllte das Gemach.
Map eilte, ein Fenſter zu öffnen, denn ſeine Frau, die ihn ſo unerwar— tet überraſcht, ward von dem Qualm faſt ohnmächtig.„Siehſt du,“ ſagte er, und legte ſeine lange Pfeife weg,„ich wußte es ja wohl, du kannſt nun einmal den Tabaks rauch nicht vertragen.“—„Niemand alſo hier?“ ſprach Emilie vor ſich hin.—„Wie, wer ſoll denn hier ſein?“—„Aber mit wem ſprachſt du denn? An wen verſchwendeteſt du denn Worte der Liebe, die ich ſelbſt hören mußte, die mich faſt raſend machten?“—„An meine Pfeife,“ ſagte er ſehr ruhig und


