Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
766
 
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an Vertrauen, den du mich empfinden läßt. Du haſt ein Geſchäft, das dich jeden Tag eine Stunde, eine lange Stunde von mir ruft, ſchon am Tage nach unſerer Hochzeit dich mir ſechzig ewig lange Minuten entzog, und ich darf nichts von dieſem Geſchäfte erfahren?...Ich bleibe ja nur eine Stunde fort, theure Emilie.Eine Stunde] Und welche intereſſante Beſchäftigung füllt denn dieſe geheimnißvolle Stunde aus, und weßhalb klagteſt du neulich gleich über Kopfſchmerz, als wir Beſuch von der alten Tante Geheimeräthin bekamen, und ſie dich mit den Nezen ihres Geſpräches umſpann, daß du nicht fort konn teſt? Höre mich ruhig an, Max, du warſt noch immer gütig gegen mich... Weil ich dich liebe, mit jedem Tage mehr liebe...Du warſt immer gern bei mir...Weil du alle Toge ſchöner wirſt...Ach! laß die Schmei cheleien und ſage mir offen, weßhalb kannſt du, da du der Liebe zu mir dein freies Junggeſellenleben, deinen Geſchmak am Reiſen, deinen Ehrgeiz zum guten Theil zum Opfer brachteſt, nicht auch noch dieſe Stunde opfern, die dich deinem Hauſe, unſerem traulichen Beiſammenſein, entzieht.Gewiß, liebe Emilie, ſpäter ſollſt du es erfahren, du weißt recht wohl, habe ich dir Freiheit des Junggeſellen, den Durſt nach Auszeichnung hingegeben, ſo haſt du dies durch deine Liebe, die mich glüklich macht, erkauft, wie ein großmüthiger Reicher, der eine Waare weit, weit über ihren Werth bezahlt. Auf ewig werde ich dafür dein Schuldner bleiben müſſen. Aber jezt laß mich nur für eine Stunde. Be denke, das Glük einer Ehe dauere nur ſo lange, als die Frau geliebt, nicht Herrſcherin ſein will. Wüßtet Ihr Alle die Macht zu benüzen, die Gott Euch über das Männecherz verliehen hat, wolltet Ihr nie andere Waffen anwenden als Sanftmuth, gewinnende Rede, Ihr würdet uns zu Sklaven machen, dem Lächeln Eurer Lippen ſtets gehorſam. Map ſchloß dieſe poetiſche Wendung ſei ner Rede mit einem Kuſſe und eilte ſchnell aus dem Zimmer.

Kaum hatte er es verlaſſen, ſo ſchellte Emilie heftig. Der Vediente trat ein.Geh', Wilhelm, geh' dem Herrn nach, merke dir das Haus in das er tritt, und komme dann raſch zurük. Deine Verſchwiegenheit ſoll dir belohnt werden. Als der Bediente ging, warf ſich Emilie wieder in ihren Seſſel; ſie war von reizbarer Phantaſte, Alles, was ſie je von der Untreue der Männer geleſen hatte, flog ihr durch den Sinn, ihr Herz pochte laut, ihre Thränen floſſen.Ach, ſeufzte ſie,er handelt nicht recht an mir; er falſch! er untreu! Und ſein We ſen iſt doch ſo offen, er ſagte mir zu jeder Stunde ſo aufrichtigen Tones, daß er mich liebe, daß ich ihn glüklich mache, nein, in ſeinem Herzen kann nicht noch das Bild einer Andern ſein. Aber weßhalb denn dieſe Heimlichkeit, weß halb denn dieſe täglichen Zuſammenkünfte mit Unbekannten?... Ich will, ich muß es erfahren!

Unendlich langſam verſtrichen ihr die Minuten; da trat der Bediente in's Zimmer, fie überhäufte ihn mit Fragen, ob er den Herrn geſehen, mit wem er geredet, wohin er gegangen ſei.Gnädige Frau, ich folgte dem Herrn, ohne daß er mich bemerkte, in die Friedrichsſtraße, dort ging es in's Haus Nro. 21, das iſt ein großes ſchönes Haus. Ich wartete lange und dann...Und du haſt nicht gefragt, zu wem er ginge... Wir haben ja in der ganzen Straße keine Bekannten.Ja wohl, gnädige Frau. Die Leute unten im Hauſe ſagten mir, der Herr gehe in den dritten Stok in ſein Zimmer.Und du gingſt in das Zimmer?Vis an die Schwelle, gnädige Frau, weiter konnte ich

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