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Indeß ſtekten die Nachbarsleute, welche nicht von einer Wanderung in den Pyrenäen ermüdet heimgekehrt, nicht im Gaſthauſe zu Nacht gegeſſen und getrunken und folglich auch einen leichteren Schlaf, als unſer Advo— kat haben, die Köpfe aus den Fenſtern, um zu hören, was es hier in ſpäter Nacht gibt. Der Gewürzkrämer Fricot ſpizt die Ohren unter der baumwollenen Nachtmäze; Madame Beccaſſin ſpringt barfuß ans Fenſter; der erſcheint im blo— ßen Hemde, die im Unterroke u. ſ. w. Doch es würde mich zu weit führen, wenn ich dem Leſer eine detaillirte Schilderung der Toilette dieſer guten VBür— ger der Stadt Bordeaux entwerfen wollte, wie ſie, aus dem erſten Schlafe durch den wüt henden Lärm aufgeſchrekt, ſich erhoben und Muthmaßungen über den ungewöhnlichen Aufruhr in dem friedlichſten und ſtillſten Stadtviertel anſtellten. Der Kommiſſär fluchte und ſchimpfte, lärmte und tobte immer lauter und die vier Mann nebſt Unteroffizier ſtanden ihm getreulich bei. Endlich faßte ſich der Polizeimann und wendete ſich fragend an die gaffenden Nachbarn, welche jezt zitterten und zagten, weil ſie glaubten, der Staat ſei in Gefahr, eine Revo— lution ziehe heran.— Der Kommiſſär ruft mit gebieteriſcher Stimme:„Heda, Bürger, was zum Teufel ſoll das Gaffen und Zuſchauen? Hand ans Werk ge— legt; die Obrigkeit ruft Sie zur Mitwirkung auf!“— Fricot erſchrekt:„Wo— zu denn? Was gibt's? Sind die Alllirten da?“— Der Polizeikommiſſär:„Ja wohl Alllirte, verbündete Spizbuben plündern des Herrn L* Wohnung!“
Madame Beccaſſin mitleidig:„Ach der gute Mann! Sie bringen ihn um, ſie ſchlagen ihn todt!“— Der Famulus:„Wen denn? Herrn L“2 Der iſt ja verreiſt!““—„Iſt nicht mehr verreiſt! Kam vor Schlafengehen vom Lande nach Hauſe und borgte ſich bei mir noch ein Licht.“— Der Polizei kommiſſär: „Ihre Ausſage iſt von Wichtigkeit, Madame! Haben Sie ſich auch nicht in der Perſon geirrt?“—„Gott bewahre! Ich muß doch den Herrn Nachbar wohl kennen.“—„Und Sie ſahen Herrn L*“ mit eigenen Augen?“—„Natürlich, ſonſt wüßt' ich nicht, daß er von der Reiſe zurük iſt.“—„Sie ſprachen auch mit ihm, Madame?“—„Wenn ich es Ihnen ſage, ſo können Sie es glauben.“
Mehrere andere Nachbarn wurden jezt gleichfalls am Fenſter verhört und ihre Ausſagen ſtimmten genau mit der Behauptung der Madame Beccaſſin überein. Der Polizeikommiſſär bat darauf die werthen Bürger, herabzukommen, Herr Fricot ſchloß ſeinen Laden auf; Kommiſſär, Soldaten und Zeugen traten hinein; Fe⸗ der, Tinte und Papier wurden geholt und die Ausſagen auf der Stelle zu Protokoll genommen. Der Kommiſſär nebſt den anweſenden Bewohnern der Stra— ße beſtätigten den Bericht durch Namensunterſchrift und um zwei Uhr Morgens ging die ehrenwerthe Verſammlung wieder auseinander. Bevor der Kommiſſär ſich aber gleichfalls wieder zur Ruhe verfügte, ordnete er noch folgende zwei hochwichtige Vorſichtsmaßregeln an: Erſtens poſtirte er vier Mann Wache nebſt dem Unteroffizier vor des Herrn L* Thür; zweitens wollte er den Famulus und Wachhabenden, der den Lärm gemacht, der Sicherheit wegen feſtnehmen laſſen. Dieſer aber bat und beſchwor den Kommiſſär, er möge ihn doch nicht ein— ſteken, ſondern lieber mit den ehrenwerthen Herren Soldaten hier auf dem Po⸗ ſten laſſen, was ihm denn auch nach manchem Hin- und Herreden ſchließlich be⸗ willigt wurde.
um fünf Uhr Morgens ward unſer Advokat endlich durch das Geſchrei ei⸗ ner Nachbarsfrau, welche die Magd aus dem Bette zankte, aufgewekt. Er rieb


