Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
758
 
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fielen alle ihre Sünden bei! Irrte er nicht und hörte er recht, ſo ſchlich es in dem Zimmer auf und ab; es kam ibm vor, als würden Schlüſſel in Schlöſſer geſtekt, als knarrten Thüren, als ſprängen Schränke und Tiſche auf und als hörte er Gold und Silber, das eingeſakt werde, klappern und klingen. Ja, es war keinem Zweifel unterworfen: Gauner und Diebe plünderten des Advo katen Wohnung aus!

O Gauner und Diebe, wie ſeid ihr jezt entartet! Mit ſchwärzeſtem Undank vergelten ſie dem Herren von Barreau die geleiſteten großen Dienſte; ohne Scham und Scheu plündern ſie ihre Vertheidiger und Erretter, deren Be redtſamkeit ſie ſo oft ſchon vor dem Bagno bewahrte, aus; o Zeiten, o Sit⸗ ten! So dachte der Famulus und ſtand vor dem Eingange der Wohnung rathlos da. Er ſchlich wie ein geſchlagener Pudel hin und her, ſeufzte und ver⸗ glich den jüngſt erſt verübten frechen Diebſtahl, zum Nachtheile des vormaligen Batonnier, Herrn von Chancel, mit demjenigen, welcher unter ganz ähnlichen Verhältniſſen in dieſem Augenblike in ſeines Hrn. Wohnung ausgeführt werde. Alle Spizbübereien, welche er kannte, fielen ihm ein und er ſeufzte ſchwer. Zufällig kam Jemand vorüber und fragte, über des Wächters Klagen verwun dert, nach der Urſache ſeiner Verlegenheit und Noth. Der Hinzugekommene gab dem Unglüklichen den guten Rath, er ſolle auf der Stelle zur Polizei laufen; mit dieſem Vorſchlage ging er weiter. Unſer Famulus legte das Ohr noch ein mal an's Schloß: es war richtig! Athemlos ſtürzte er zur Polizei, aber die Sicher heitsbehörde derangirt ſich nicht gern; der Famulus wird gefragt, der Eine weiſt ihn zum Andern, er wird von Pontius nach Pilatus geſchikt. So vergeht eine volle Stunde. Endlich, endlich macht ſich die Polizei auf den Weg; der Famulus marſchirt mit vier Mann und einem Unteroffizier auf; die Geſichter der dienſteifrigen Männer klären ſich immer mehr auf, je näher ſie dem Hauſe kommen, wo ſie die Diebe auf der That ertappen ſollen und je mehr ſie ſich den Schlaf aus den Augen wiſchen. Die werthen Herren ſcheinen eben kei nen hohen Begriff von der Gewandtheit und Schnelligkeit der Diebe, oder eine ſehr hohe Idee von ihrer eigenen Geſchiklichkeit gehabt zu haben. Wie viel Ki ſten und Kaſten konnten die Gauner in einer Stunde ausplündern, und das Ge raubte einſaken und fortſchleppen!

Wie dem aber auch ſei, genug, das Haus wurde mit vier Mann und einem Unteroffizier beſezt. Nachdem männiglich nun ſeinen Poſten eingenommen und ſeine Verhaltungsmaßregeln bekommen hat, pocht der Kommiſſär an die Thür: keine Antwort; Alles ſtill... Er pocht noch einmal an, er klopft heftiger, un geduldiger: noch keine Antwort; noch Alles ſtill, wie auf dem Kirchhofe.Im Namen des Königs! im Namen des Geſezes; aufgemacht! Wollen doch ſehen, ob uns die Schurken entwiſchen können! Die Schläge an die Thür ver doppeln ſich; die Stimmen der vier Mann und des Unteroffiziers ſtimmen ein Tutti mit dem Kommiſſär an; mit Händen und Füßen wird ein Wirbel gegen die Thür geſchlagen; unſer Famulus ſtebt wie auf Kohlen; jezt werden die Gewehrkolben zu Hilfe genommen. Alles bleibt im Innern ſtill wie zuvor; nur hin und wieder hört man, wie aus weiter Ferne einen Ton, der wie Röcheln oder Schnarchen klingt: der Advokat, der nach des Tages Laſt und Hize im er⸗ ſten Schlafe liegt, bleibt troz allem Lärm taub; er ſchläft feſter als jemals.