Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
760
 
Einzelbild herunterladen

760 ſich die Augen, ſtand auf und öffnete die Jalouſten. Als er aber die vier Mann nebſt Unteroffizier vor dem Hauſe Wache halten ſah, wußte er nicht, ob er noch träume oder wache. Jezt gewahrte er ſeinen treuen Famulus wie er zuſammen gekauert, den Kopf mit den Händen ſtüßend und halb erfroren in einem Sol datenmantel gewikelt, vor der Thür ſaß und ſich mit dem Korporal über das nun bald zur Löſung kommende Räthſel beſprach. Unſer Advokat rief hinunter; der Famulus erſchrak; die Thür wurde aufgeriegelt und endlich erhielt er durch Worte und Geſtikulationen die Auflöſung des Räthſels wegen der Schildwache vor der Thür und erfuhr Alles was ich dem Leſer ſo eben Schritt vor Schritt getreulich berichtete. Während des Frühſtüks erſchien denn auch richtig der Briefträger mit dem verſpäteten Briefe und entſchuldigte ſich, als er ſeiner Nachläſſigkeit wegen zur Rede geſtellt wurde, damit, daß es geſtern Sonntag geweſen und daß die Leute an der Poſt doch auch Menſchen ſeien und ihr Feier⸗ tagsvergnügen haben müßten; wenn Herr L* übrigens in den nächſten Ge richtsferien eine Reiſe mache und einen ſolchen Brief ſchike, ſo ſolle derſelbe ge wiß pünktlich abgegeben werden. Ob das Verſprechen gehalten wird, müſſen wir erwarten.

Die Homöopathie und ihr gegenwärtiger Standpunkt.

Es ſind jezt beinahe fünfzig Jahre her, daß Hahnemann die erſten An deutungen zur Homöopathie gab, und dreißig Jahre, als er die erſten Grund ſäze ſeines Syſtems bekannt machte. Seit dieſer Zeit hat ſich die Medizin, als eine Erfahrungswiſſenſchaft, weſentlich verändert und in dieſer Zeit hat ſich auch die homöopathiſche Lehre bedeutend modifizirt, ſo daß gegenwärtig die Homäo pathie an und für ſich ſowohl als in ihren Beziehungen zur Medizin, beſonders zur Allöopathie, eine ganz andere Geſtalt und Stellung gewonnen hat. So wohlthätig die Prinzipien Hahnemann's im Allgemeinen auf die Heilkunde und ihre Methode eingewirkt haben, ſo nachtheilig wirkte das Extrem, zu welchem der Reformator die Grundſäze ſeiner Lehre trieb, auf dieſe ſelbſt zurük; beſon⸗ ders der Grundſaz von der abſoluten Kleinheit der Arzneigaben, wo ein Tro pfen Medikament, mit einer Tonne Waſſer verdünnt, wirken, und zwar unter allen Verhältniſſen wirken ſollte. Dieſe Pedanterie des Entdekers machte in den Augen des Publikums ſeine Erfindung verdächtig und ſeine Methode lächerlich. Seine Schüler und Bekenner ſind auch allgemach von den Extremen des Stif⸗ ters ihrer Schule zurükgekommen und haben drei der Hauptgrundſäze Hahne mann's, und zwar eben die, welche der Homöopathie das Vertrauen abwende ten, als irrthümlich erklärt. Dieſe Grundſäze ſind: 1) In jedem Krankheits falle die möglichſt kleinſte Gabe von Arznei zu reichen. In dieſer Beziehung hat die ſpätere Erfahrung bewieſen, daß dieſer Abſolutismus durchaus ſchädl ich und kein poſitives Geſez für alle Fälle zu geben ſei, und daß vielmehr eben ſo wohl größere als kleinere Gaben unentbehrlich ſind, da die Wahl beider durch die Individualität der Kranken, ſo wie des eben vorliegenden Krankheitsfalles bedingt iſt. 2) Die Lehre, daß die Arzneikräfte durch gewiſſe Manipulationen (Schütteln und Reiben) entwikelt(potenzirt) werden. Was man hier nach Hahnemann's Anſicht früher für Kraftentwikelung hielt, ſieht man jezt für